Elf Institute der Theaterwissenschaft begleiten das Festival
Wenn sich während des Festivals die Künstler und das Publikum, Festival- und Theatermacher, Kuratoren und Kritiker begegnen, dann dürfen die Wissenschaftler nicht fehlen. Nicht nur das Publikum ist aufgerufen, mit jeder Arbeit und jedem Künstler die Perspektive zu ändern, auch die jungen Theaterwissenschaftler setzen sich kreativen Missverständnissen aus und überprüfen ihre Theorien.
Elf Institute der Theaterwissenschaft aus Deutschland und der Schweiz begleiten das Festival. Sich haben sich schon im Sommersemester mit Künstlern und Themen des Festivals auseinandergesetzt. Nun wohnen sie im Festival: sie schlagen ihre Zelte auf direkt neben der Stadthalle. Tagsüber finden in der Stadthalle Arbeitsgruppen statt, abends geht’s ins Theater und nachts wird’s gefeiert.
Jeden Samstag trifft Wissenschaft auf Kunst: in Gesprächen mit den Künstlern geht es um die verschiedenen Perspektiven auf Theater. In einem öffentlichen Gespräch am Samstagnachmittag um 16 Uhr laden sie das Publikum ein, mit ihnen gemeinsam zu diskutieren.
Elf Institute der Theaterwissenschaft aus Deutschland und der Schweiz haben sich angemeldet. Aufgeteilt in drei Gruppen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Themen und Schwerpunkten.
Akademie I: die global players
Studierende aus Bern zusammen mit Prof. Dr. Peter Marx, aus München mit Dr. Nic Leonhardt und aus Mainz mit Dorothea Volz untersuchen die Beschreibung fremder Theater Welten: „Auch in einer globalisierten Welt ist Fremderfahrung nötig, um die gewohnte Kultur des Alltagslebens um uns herum mit fremdem, verfremdendem Blick zu sehen und das (vermeintlich) Eigene zu öffnen und anschlussfähig zu machen für andere und neue Perspektiven. Theater der Welt verstehen wir als ein Medium für die Begegnung mit dem „Fremden“ und einem daraus resultierenden Überdenken und Infragestellen des eigenen Betrachtungspunktes. Im Fokus des Workshops steht die Frage, wie sich über Theater-Erfahrungen aus/mit unterschiedlichen Weltregionen angemessen schreiben lässt – ohne dabei die Perspektive des Exotismus einzunehmen oder den fiktiven Maßstab angeblich universeller ästhetischer Standards anzulegen. Unser Ausgangspunkt ist die doppelte Beschreibung von Fremdheit: der des Theaters und der eigenen Erfahrung, um so das Ästhetische als Möglichkeitsraum zu betrachten, sich dem Anderen zu öffnen und die durch das Selbst verlaufende Fremdheit zu (er)leben.“
Samstag, 3.7. 2010
Public viewing statt public talk!
Das Gespräch entfällt, statt dessen: das Viertelfinale
AKADEMIE II: die Zeitgenossen
Wie lässt sich zeitgenössisches Theater beschreiben und wie ist Theater überhaupt beschreibbar? Wie funktioniert eine Beschreibung von Theater, wenn Theater beständig seine Grenzen überschreitet und gar nicht mehr Theater sein will?
Das Theater freut sich, wenn es verwechselt wird, wenn es stinkt und echt Eindruck macht, wenn es schockiert oder zumindest echte Gefühle im Spiel sind. Warum will es Party oder Leben sein? Die Grenzgänge des zeitgenössischen Theaters diskutieren die Studierenden aus Erlangen mit André Studt, aus Gießen mit Dr. Philipp Schulte, Leipzig mit Prof. Dr. Heeg und aus Frankfurt mit Katja Leber. Dabei gehen sie von den gesehenen Vorstellungen im Festival aus und fragen anhand dieser Erfahrungen nach der Wahrnehmung und Beschreibbarkeit von Theater.
PUBLIC TALK:
Samstag, 10.7. 2010, Stadthalle Mülheim, 16 Uhr
In Echt (in Wirklichkeit) – wo beginnt und wo endet Theater?
Daisuke Miura und Ery Mefri haben ihre ganz eigenen Formen an der Schnittstelle von Kunst und Leben gefunden. Im Gespräch mit ihnen und den Studierenden und Lehrenden der Sommerakademie II fragen wir nach der Lust an der Grenze.
AKADEMIE III: die anderen Räume
In der dritten Akademie beschäftigen sich die Studierenden aus Hildesheim mit Melanie Hinz, Berlin mit Dr. Jan Lazardzig, Hamburg mit Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll und Bochum mit Prof. Dr. Ulrike Hass mit dem Verhältnis des Theaters zu den Räumen, in denen es entsteht. Ob nun das Theater drinnen oder draußen ist, ob es Räume baut oder einreißt: immer spielen die Räume eine Rolle für die Formen des Theaters. Produktionsräume bestimmen theatrale Arbeitsformen, Bühnenräume erzählen Geschichten und Parkhäuser werden zu Spielräumen. Doch welche Räume braucht das Theater in Zukunft?
PUBLIC TALK
Samstag, 17.7. 2010, Stadthalle Mülheim, 16 Uhr
Vortrag von Marianne Van Kerkhoven: Communicating vessels – reflections on ways of producing and ways of creation in theatre
Die Künstler der Welt finden je nach dem wo und in welchem Kontext sie arbeiten, extrem unterschiedliche Bedingungen vor, unter denen sie ihre Arbeit produzieren. Es sind neben den künstlerischen auch die äußeren Produktionsbedingungen, die Theaterarbeit prägen. Sie definieren sich über Festivals, internationale Koproduktionen, Compagnien und Ensembles, Stadt- und Staatstheater, die Freie Szene und die damit verbundenen international stark variierenden Formen der Förderung. Jede Förderform erzählt eine besondere Theatergeschichte und spiegelt die Erwartungen, die eine Gesellschaft an das Theater und die Kunst richtet. In ihr drückt sich die Verabredung aus zwischen den Künstlern und ihren Förderern. Deshalb sind Krisen in ihren Beziehungen Seismographen für gesellschaftliche Umbrüche. Beide Seiten geraten in Bewegung, wenn Erschütterungen und Risse durch Gesellschaften gehen. So wie zurzeit in Deutschland die Frage nach der Zukunft des Stadttheaters gestellt wird und alternative Arbeitsformen im Gespräch sind, spiegeln sich in den veränderten Anforderungen an den Raum des Theaters die fundamentalen Bewegungen, die die Gesellschaften in ganz Europa durchlaufen. Was bedeutet eine bestimmte Art von Förderung, welche Erwartungen und welche Arbeitsformen verbinden sich damit und vor allen Dingen: wie formulieren Künstler ihre Erwartungen an den Raum, in dem sie Theater machen?
Über die Verbindung zwischen dem Raum, in dem Theater arbeitet und dem Theater, das sich darin entfaltet, möchten wir mit internationalen Künstlern und den Akademikern der Sommerakademie nachdenken. Als Gast haben wir Marianne van Kerkhoven eingeladen, die einen Ausblick gibt über die vielen Räume, die das Theater braucht, um zu wachsen.
Marianne Van Kerkhoven, Dramaturgin am Kaaitheater Brüssel, untersucht in ihrem Vortrag das dynamische Verhältnis zwischen aktuellen Formen der Kreation und ihren Produktionsweisen, zwischen Theater und der aktuellen Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft und die Kreationsformen in Bewegung sind, müssen auch die Produktionsformen befragt werden: wo und unter welchen Bedingungen entsteht Kunst?