David Paquet —
Kanada, Deutschland / Schauspiel


Das Gewicht der Ameisen

Foto: Thomas Rabsch
Sind Optimismus und Engagement heute überhaupt noch legitim und zukunftsfähig? Mit Das Gewicht der Ameisen hat der kanadische Autor David Paquet eine wütende Schulkomödie mit furiosem Tempo geschrieben. Jeannes und Oliviers Schule führt die Hitliste der schlechtesten pädagogischen Einrichtungen des Landes an. Als der Direktor die Schultoiletten aus finanziellen Gründen mit sprechender Shampoowerbung ausstatten lässt, wird Jeanne zur Aktivistin. Olivier hingegen quälen andere Sorgen: die Klimakrise, Korruption, atomare Bedrohung … Olivier und Jeanne lassen sich zur Wahl um den Posten als Schülersprecher*in aufstellen. Niemand scheint sich für diese Wahl zu interessieren, bis plötzlich Max mit einem einzigen Wahlversprechen in den Ring tritt: Pizza für alle. Paquet ist einer der prägenden zeitgenössischen kanadischen Dramatiker. Das kanadisch-deutsche Regieteam realisierte die europäische Erstaufführung ursprünglich für die Ausgabe von Theater der Welt 2020.

Widerstand als Lösung?

Autor David Paquet im Gespräch mit der Dramaturgin Juliane Hendes
Herr Paquet, Ihr Stück »Das Gewicht der Ameisen« hat ein sehr hohes Tempo und erinnert in der Abfolge der Szenen an das Empfangsverhalten auf Social-Media-Plattformen – was steckt dahinter?

Ich wollte nicht zum allumfassenden Zynismus beitragen. Da das Thema eher dunkel war, entschied ich mich für eine skurrile und sprudelnde Form mit rasendem Tempo, ähnlich wie in Comics oder Cartoons. Darüber hinaus schien mir die ununterbrochene Abfolge der Ereignisse im Stück den unerbittlichen Rhythmus der schlechten Nachrichten widerzuspiegeln, mit denen wir bombardiert werden.

Wächst gerade eine Generation heran, die tatsächlich etwas ändern könnte?

Wie Jeanne und Olivier schwanke ich zwischen einem rettenden Optimismus und einem notwendigen Pessimismus. Der Vorteil der heutigen Jugend gegenüber den Jugendlichen, zu denen ich gehörte, ist sicherlich ihre Vernetzung. Das Internet hat das Potenzial, uns alle zu Nachbarn zu machen. Und Einheit ist Stärke.

Kann eine einzelne Person die Welt verändern?

Wenn man an Rosa Parks, Martin Luther King Jr., Emma Gonzalez oder Greta Thunberg denkt, lautet die Antwort: ja. Die Teilnahme an Wahlen ist zum Beispiel eine Möglichkeit, einem Gefühl der Hilflosigkeit entgegenzuwirken und einer Empörung Ausdruck zu verleihen.
Die Wahl, an der Jeanne und Olivier, die beiden Protagonist*innen, teilnehmen, wird jedoch von einem apathischen Schulleiter organisiert, der nach dem Gesetz der geringsten Anstrengung lebt. Dann stellt sich die Frage: Ist es möglich, ein System durch Befolgen seiner Regeln zu transformieren, oder liegt die Lösung im Widerstand?

Wie könnte Änderung gelingen?

Es gibt einen Mechanismus, der sowohl einfach als auch grundlegend ist: Individuen, die sich durch ihre Handlungen und Worte gegenseitig beeinflussen. Jeanne inspiriert den Direktor durch ihren Kampf um ihr Selbstbewusstsein. Die Buchhändlerin inspiriert Olivier durch ihre Verspieltheit, der wiederum Jeanne inspiriert und so weiter. Diese Kette von Handlungsreaktionen erinnert daran, dass wir trotz unerbittlichem Individualismus und dem Drang nach persönlichem Gewinn vereint und einflussreich bleiben können. Die Gesellschaft ist auch die Person an meiner Seite. Das ist ein Aufruf zur Solidarität. Es ist eine Erinnerung daran, dass jenseits des Gewichts, das die Gesellschaft uns auferlegt, auch noch das Gewicht liegt, das wir selbst auf die Waage bringen. Verbunden mit der Frage, was wir damit anfangen wollen.

David Paquet:
Das Gewicht der Ameisen
29.06.21, 19:00 - 20:15
Junges Schauspiel, Münsterstraße 446
Preise: 12,00 €
Karten iCal
30.06.21, 18:00 - 19:15
Online
Livestream
Preise: 5,00 €
Karten iCal
30.06.21, 18:00 - 19:15
Junges Schauspiel, Münsterstraße 446
Preise: 12,00 €
Karten iCal

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