Brigitta Muntendorf, Stephanie Thiersch, Sou Fujimoto
— Deutschland, Japan / Tanz, Musik, Architektur


Archipel

Ein Spektakel der Vermischungen
Foto: © Martin Rottenkolber

Die Natur ist ein Artefakt geworden, Menschen und Pflanzen haben sich verschwistert – sie sind eine neue provokante Verbindung eingegangen. Nach dem Ende der Zurichtung der Welt, wie wir sie kannten, wird das neuhumanoide Dasein zutage treten und in einem Archipel der Möglichkeiten seine Kräfte ertasten: unsichtbare biologische Verflechtungen und Symbiosen, in denen Blutsverwandtschaft und Reproduktion der menschlichen Spezies der Vergangenheit angehören. Elektrisierte Wesen bilden hybride, raumerfassende und tentakelhafte Schnittstellen. Sie folgen einer Sensorik der Unruhe, bereit, sich zu transformieren.

Architektur, Tanz und Musik gehen in Archipel eine vollkommen neue Allianz ein: Die vom japanischen Architekten Sou Fujimoto geschaffene Skulptur ist nicht nur Bühne, Landschaft und Schutzraum, sie ist auch Musikinstrument, dessen Klänge Tänzer*innen und Musiker*innen gemeinsam hervorrufen, aufnehmen und weiterspinnen.

Die Choreografie von Stephanie Thiersch und die Musik von Brigitta Muntendorf arbeiten mit der Vermischung der Genres auf der Suche nach Verständigung. Wir alle sind verbunden.

Brigitta Muntendorf zählt zu den prägenden Komponist*innen der zeitgenössischen Musik. Sie ist Gründerin des Ensemble Garage und entwickelt transdigitale Musiktheater und Installationen. Die vielfach ausgezeichnete Choreografin, Regisseurin und Medienkünstlerin Stephanie Thiersch ist Künstlerische Leiterin der interdisziplinären Tanzkompanie MOUVOIR.

Der Architekt Sou Fujimoto arbeitet von Tokio und Paris aus an Projekten, die eine ureigene Verbindung zur Natur suchen.

Im Archipel der Möglichkeiten

von Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf
Seit drei Jahren erproben wir mit »Archipel« die Verzweigungen und Fusionen zwischen zeitgenössischer Choreographie und neuer Musik, die auf zwei für uns wichtigen und wesentlichen Grundprinzipien basieren: Wir entwickeln Konzept und Dramaturgie zwischen Tanz und Musik von der ersten Idee bis zur Premiere gemeinsam, und wir gestalten die Probenarbeit als offenen Prozess, in dem Musiker*innen und Tänzer*innen mit uns eine heterogene Forschungsgemeinschaft und eine Praxis des Transdisziplinären schaffen. Die entstehende musikalisch-choreographische Partitur ist quasi ein Abbild dieser Zusammenarbeit. Sie beschreibt unsere Praxis als Künstlerinnenteam.

Ins kalte Wasser gesprungen sind wir dafür erstmals 2016 im Rahmen des City Dance Köln: Eine 13-stündige politisch motivierte Kunstmanifestation quer durch den Kölner Stadtraum mit 600 aktiv mitwirkenden Performer*innen und 10000 partizipierenden Bürger*innen. 2019 entstand dann die Arbeit »Bilderschlachten«, in der wir die Vulgarität von Herrschafts- und Unterdrückungssystemen in Choreographie und Musik einschrieben und in eine fiktionale Trauerprozession mit über 50 Menschen – Tänzer*innen, das Asasello Quartett und das französische Orchester Les Siècles – auf der Bühne überführten.

Als interessant empfinden wir unsere Zusammenarbeit dann, wenn wir die künstlerischen Fäden des jeweils anderen weiterspinnen, wenn wir die eingeladenen Menschen in ihrer Ganzheit erfassen dürfen und nicht auf ihre Berufsbezeichnung reduzieren, wenn wir uns gegenseitig inhaltlich und stilistisch herausfordern. Tänzer*innen werden befähigt, komplexe polyphone Stimmchöre zu bilden, Musiker*innen und Sänger*innen erhalten Bewegungstraining, werden immanenter Teil einer choreographischen Inszenierung. Erfahrungsgemäß, nach nun fünf Jahren der Zusammenarbeit, entstehen virtuose Referenzsysteme aus Bewegungsbildern und Klängen, die in ihrer Verwobenheit keine linearen Stränge abbilden, sondern dynamische Geschichten in zeitlichen und räumlichen Sprüngen erzählen.

Die Vorarbeiten zu »Archipel« begannen mit Atelierbesuchen in Paris. In fragilen, flüchtigen Linien skizzierte der japanische Architekt Sou Fujimoto mit rotem Stift Silhouetten utopisch-futuristischer Landschaften auf weiße DIN-A4-Blätter. Bis diese Landschaft die Voraussetzungen dafür erfüllen konnte, mit Berührung, Bewegung und Klang in Resonanz zu treten, und der Bau beauftragt wurde, sind drei Jahre vergangen.

»Archipel« umfasst mit Chor, Ensemble, Streichquartett und Tänzer*innen insgesamt 40 Performer*innen. Wenn wir über einen gemeinschaftlichen Prozess als Modell für eine Kunstgemeinschaft sprechen, dann sprechen wir nicht nur über das empathische, sondern ebenso über das abgespaltene, einsame, gewaltvolle oder dystopische Moment. Die Welt ist überbevölkert, degradiert zum Ressourcenspender und kartographiert durch Macht. Wenn die amerikanische Wissenschafts- und Geschlechterforscherin Donna Haraway eine Gesellschaft von Zukunftswesen entwirft, die sich auf produktive und eigensinnige Art mit Tieren, Pflanzen, Korallen und Bakterien verwandt machen, um Wahrnehmungsapparate zu entwickeln, statt einer Vermehrung zu folgen, provoziert das unser westliches Denken vom unendlichen Wachstum und Dualismus. In »Archipel« bildet Haraways These den Ausgangspunkt für die Arbeit mit den Tänzer*innen und Musiker*innen und in der Auseinandersetzung mit der Architektur. Sie kommunizieren mit eigenen, unterschiedlichen Sprachen, schaffen Resonanzen und Rituale und kreieren eine Diaspora fernab von Gaja. Ihre Rollen werden erst nach und nach sichtbar und scheinen sich immer wieder zu ändern.
Das Publikum geht auf eine Reise in dieser Insellandschaft, es beobachtet und umläuft die Skulptur: Kein Zentrum gibt es in diesem „Archipel“, das von den Zuschauenden umspült ist, es gibt vieles gleichzeitig zu entdecken und zu verpassen. Die anthropozentrische Perspektive der Welt soll dabei eine Infragestellung erleben. Denn „Archipel“ ist eine Erkundung von archaischen und biologischen Prozessen, die unsere Wahrnehmung herausfordern. Wir alle sind verbunden und auf der Suche nach einer anderen Form, mit der Welt umzugehen: Auch das Publikum wird ein Passagier dieser Reise.

Als Ende April die Ruhrtriennale ersatzlos abgesagt wurde, waren wir schon tief im archipelischen Schaffen. Unser erstes Recherchelabor »INVENTASY« mit zehn Tänzer*innen, zehn Musiker*innen und vier Sänger*innen hat im Februar die Türen aufgemacht, Spuren gelegt und unsere künstlerischen Ansätze definiert. Im Juli haben wir die schon seit vielen Wochen im Bau befindliche Architektur in den Hallen des Studios Hamburg abgenommen. Wir haben erstmals die flirrende Insellandschaft in Gemeinschaft mit unseren Kollaborateur*innen aus Architektur, Technik, Licht, Dramaturgie, Tanz, Liveelektronik und Musik betrachtet und erklommen. Wir testeten Klang, erprobten Bewegungsvorgänge und nahmen die konkrete Forschungsarbeit an diesem neuen Territorium auf. Dann war erst mal alles vorbei.

Aber wir haben auf unserem Weg Menschen kennengelernt, die wie wir nicht so schnell aufgeben und die Phantasie des Möglichen erkennen. Unser »Archipel« kann hoffentlich schwimmen – wir arbeiten an einer realen Chance, es 2021 anlegen zu lassen.
Stephanie Thiersch ist freischaffende Choreographin, Regisseurin und Medienkünstlerin.
– Geboren 1970 in Wiesbaden
– Studierte Tanz, Geisteswissenschaften (M.A.) und später Medienkunst an der KHM Köln
– 2000 Gründung der Compagnie MOUVOIR, mit der sie seither über 50 Bühnenstücke, Filme und Installationen entwickelte, die national und international gastieren und mehrfach ausgezeichnet wurden
– Mit dem Ensemblenetzwerk Freihandelszone ist sie seit 2006 Künstlerische Leiterin des Festivals URBÄNG!

Brigitta Muntendorf ist freischaffende Komponistin.
– Geboren 1982 in Hamburg
– Gründerin und künstlerische Leiterin des Ensembles Garage
– Professorin für Komposition an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz und Leiterin der Musikplattform Frau Musica Nova
– Ausgezeichnet unter anderem mit dem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung sowie dem Deutschen Musikautorenpreis
Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Theatermagazin DIE DEUTSCHE BÜHNE, Ausgabe 8/2020, S. 34-36.
 
Die Ausgabe kann hier bestellt werden.

Brigitta Muntendorf, Stephanie Thiersch, Sou Fujimoto:
Archipel
18.06.21, 19:30 - 21:00
Central, Große Bühne
Uraufführung
19.06.21, 19:30 - 21:00
Central, Große Bühne

Publikumsgespräch am 19.6. im Anschluss an die Vorstellung.
20.06.21, 19:30 - 21:00
Central, Große Bühne

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