Festivalredaktion

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Über Étienne Minoungous »Spuren – vier Monologe«

Copyright: B. Mullenaerts

von Eva Marschall

Auf der kargen Bühne eine Bretterwand, Ton in Ton mit Holzkisten, ein brauner runder Teppich und Étienne Minoungou, der unter einer Decke liegt, leicht zu übersehen. Die poetischen Verse seines ersten Monologs malen ein Bild von Armut, Wut und dem Wunsch, die Geschichte richtig zu schreiben. 

Der in Ouagadougou in Burkina Faso und Brüssel lebende Regisseur, Schauspieler und Dramatiker Étienne Minoungou thematisiert die Ausbeutung und Verwüstung Afrikas durch europäische Kolonialmächte und die Verschleppung der Menschen, die bis heute maßgeblich für den Reichtum der ehemaligen Kolonialmächte verantwortlich sind. Ob manche der Zuschauenden wohl überrascht sind, sich mit so viel politischem Diskurs konfrontiert zu sehen? Vielleicht haben sie den Vorbericht der Rheinischen Post gelesen, in dem es heißt, es gehe nicht um deutsche Rassismus-Debatten. Und doch treffen der erste Monolog (»Zurück ins Land der Geburt« von Aimé Césaire) wie auch der zweite (»Nennt mich Muhammad Ali« von Dieudonné Niangouna) ins Herz der in den vergangenen Monaten geführten Debatte um Rassismus am Düsseldorfer Schauspielhaus. 

Nun, nachdem Schwarze Künstler:innen sich bewusst gegen die weitere Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus entschieden haben, steht auf eben dieser Bühne ein Schwarzer Schauspieler, der dem Publikum bedeutende Fragen zum Umgang mit dem Kolonialerbe stellt. Und das, nachdem Intendant Wilfried Schulz erklärt hatte – nach langem Applaus eines überwiegend weißen Publikums –, es gebe noch viel zu lernen.

Während der erste Monolog das Publikum noch ernst und gradlinig in seinen Bann zieht, kommt der zweite viel dynamischer daher. Im ersten Teil kocht Étienne Minoungou auf der Bühne Kaffee, während er die Verleugnung afrikanischer Geschichte, Ausbeutung und die Etablierung des Systems »Rassismus« durch die europäischen Kolonialmächte und deren Philosophie der »Vernunft« in den Fokus nimmt. Im zweiten betrachten wir Muhammad Ali, die Boxlegende und politische Widerstandsfigur der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, durch die Linse des Schwarzen Schauspielers.
Immer wieder schlüpft der Künstler in die Rolle Alis, nur um sie im nächsten Moment wieder abzuwerfen.
Eva Marschall
Im ersten Moment werden wir als überwiegend weißes Publikum angeheizt, ihm zuzurufen, nur um im nächsten betreten zu schweigen, wenn er die Objektifizierung und Instrumentalisierung Schwarzer Körper betrachtet. Die Bühne ist jetzt Boxring und Podium. 

Als Étienne Minoungou selbst spricht er über die Berufswahl eines Schwarzen Schauspielers. Er spiele »für die Herren, die uns heute Zuschauer geben«. Zurückhaltendes Gelächter im Publikum. Die Parallelen zur Rassismus-Debatte an der diesjährigen Festivalstätte sind kaum zu übersehen. Minoungou erzählt von der Fetischisierung Schwarzer Männer durch weiße Frauen und diesmal sind wir an der Reihe, betreten innezuhalten und unserer Fragilität nachzuspüren. Der Entwurf der Schwarzen Widerstandsfigur als hypermaskulines Sexsymbol und hypermaskuline Sportikone für den »white gaze« ist nicht zu trennen von der Gewalt, der Schwarze Männer durch diese systematische Entmenschlichung bis heute in unserer Gesellschaft begegnen. 

Absurd, dass Menschen, die in eine Machtposition gedrängt werden, sich selbst aus dieser befreien müssen. Darauf pocht Étienne Minoungou immer wieder. Der US-amerikanische Rassismusforscher Dr. Ibram X. Kendi spricht von »Upliftsuasion«, einer Illusion.

»Upliftsuasion« meint die Verheißung, dass für Schwarze Menschen eine Emanzipierung möglich ist, wenn sie den Weißen nur beweisen, dass die Rolle, in die sie durch strukturelle und institutionelle Diskriminierung gedrängt wurden, nicht die ihre ist. So könnten sie den Weißen beibringen, nicht mehr rassistisch zu sein. Und die Verantwortung liegt bei den Betroffenen. Für Minoungou ist das eine Unverschämtheit: Rassismus sei nicht das Problem Schwarzer Menschen, sondern das der Weißen. »Wie soll man sich motivieren,« fragt er sein Publikum. »Wenn ihr den Sinn verändert und die Sinne trübt?«

Er sagt, wir seien noch nicht bereit für die Botschaft. Und auch ich frage mich, ob ein solcher Theaterabend nach den vergangenen Monaten und der politischen Debatte in der Düsseldorfer Theaterszene mehr als ein performativer Akt ist.
Hören wir Schwarzen Männern, die sich für ein mehrheitlich weißes Publikum auf die Bühne stellen, überhaupt zu?
Eva Marschall
Oder beweihräuchern wir uns nur selbst, indem wir den nächsten Schwarzen Mann instrumentalisieren, um unser Gewissen zu erleichtern, »Black Excellence« feiern, und die Afterparty auf einem Platz zu feiern, der benannt ist nach Gustaf Gründgens, einer umstrittenen Persönlichkeit durch seine Nähe zur Führungsriege der Nationalsozialisten? In einer Stadt, in der bis heute Straßen Namen wie Lüderitz und Leutwein tragen. Sind wir bereit für die Botschaft, dass es unsere Aufgabe ist, unser Kolonialerbe aufzuarbeiten, sodass folgende Generationen heilen können? 

»Ich will die Stimmung nicht vermiesen«, entschuldigt sich Étienne Minoungou und erntet erleichtertes Gelächter. Vielleicht ist uns ein beschwichtigender Schwarzer Mann auf der Bühne doch lieber. Einer, der uns Unangenehmes vergessen lässt, in dem er höflich lacht und dem weißen Publikum das Gefühl der Sicherheit wiedergibt. Vielleicht ist es uns lieber, wenn er zufrieden mit der Rolle ist, in der wir ihn besetzt haben.

»Ich mache Politik, weil ich Schauspieler bin«, sagt Étienne Minoungou dann. Und, dass wir ihn nicht kennen, nur das sehen, was er uns auf der Bühne von sich zeigt. Politik und Theater sind nicht voneinander zu trennen, vor allem nicht hier in Düsseldorf.