Festivalredaktion

Buntheit, Vielfalt, Chaos

Eine alternative Stadtteiltour durch Oberbilks Hinterhöfe
Stadtteilguide Bernadette Callasse (l.) Copyright: Simone Saftig

von Simone Saftig

Für die alternativen Stadt(teil)rundgänge kooperiert das Festival Theater der Welt mit dem Jungen Eine Welt Forum Düsseldorf und den Stadtteilguides Oberbilk. Ihr gemeinsames Ziel ist es, andere Seiten Düsseldorfs als die offensichtlichen erlebbar zu machen. Themen dieser Touren sind fairer Handel, nachhaltige Entwicklung und interkulturelle Nachbarschaft. Unsere Autorin tourte mit durchs vielfältige Oberbilk. 


Seit 1982 lebt Bernadette Callasse in Düsseldorf Oberbilk und für nichts auf der Welt würde sie ihren geliebten Stadtteil verlassen. Dies postuliert die quirlige Oberbilkerin schon zu Beginn des Spaziergangs und man merkt in jeder Anekdote: Sie liebt dieses Viertel, ihr Zuhause. Auch ich wohne seit sieben Jahren in Oberbilk und habe den Stadtteil lieben gelernt. Doch als ich am Anfang meines Studiums herzog, packte ich die Umzugskartons nicht ganz unvoreingenommen aus. Meine Vormieterin riet mir dazu, den Weg vom Hauptbahnhof zu meiner Wohnung nachts lieber nicht allein zu gehen. In Oberbilk liegen acht Straßen und Plätze, die in einer Statistik der NRW-Landesregierung als »gefährlich« eingestuft werden, regelmäßige Razzien und die Berichterstattung in den Medien verschärfen diesen Eindruck. Das Viertel, das eigentlich so viel zu bieten hat, leidet unter dieser Stigmatisierung. Umso mehr freut es mich, dass Bernadette ihre Perspektive auf Oberbilk mit anderen teilt, denn für sie ist es ein Ort der »Buntheit, Vielfalt und des Chaos«.
 
Diese Attribute spiegeln sich bereits in unserer ersten Station dieses alternativen Stadtteilrundgangs wider. Das »Niemandsland« liegt in der Heerstraße und macht seinem Namen alle Ehre. Noch nie ist mir dieser einladende Hinterhof hinter dem bunten Bioladen aufgefallen, es kommt mir fast so vor, als würde Bernadette uns in ein Traumland führen. Sie begrüßt uns mit einem Gedicht, in dem es heißt: »Gekaufte Nähe macht nicht frei, weil ihr die Liebe fehlt.« Ein Symbolvers, denn genau darum geht es hier: Liebe, Solidarität, Zusammenkommen.
Copyright: Simone Saftig
Copyright: Benita Stelz
Zwischen allerlei buntem Kraut flickt Steffen vor der Scheune gerade ein altes Fahrrad. Mit anderen Ehrenamtlichen macht er die vielen Drahtesel wieder flott, die Menschen vorbeibringen. Was und ob dafür gezahlt wird, sei jedem selbst überlassen. Eigentlich gehe es ihm eher darum, die Räder gemeinsam mit ihren Besitzer:innen zu reparieren, mit dem einfachen Ziel, dass mehr Leute Fahrrad fahren. Nachhaltigkeit wird im Niemandsland großgeschrieben, regelmäßig kann man hier gemeinsam veganes Essen kochen, sich am Foodsharing beteiligen oder im »Umsonstladen« Spenden für Bedürftige hinterlassen.

Bernadettes Begeisterung für diesen Ort spürt man besonders, als sie uns auf den Dachboden der alten Scheune führt, Austragungsort für Konzerte, Lesungen und Poetry-Slams. »Das Niemandsland ist einfach ein nachhaltiger Platz, wo Menschen sich einbringen können, wo was passiert und Leute kreativ werden, gerade für Künstler ist das ganz toll!« Auch Marco, ein junger Musiker, der mit uns an der Führung teilnimmt, möchte sich einbringen. Bernadette gibt Thomas, dem Gründer des Umsonstladens, Bescheid und die beiden tauschen Nummern aus. »So muss das sein«, kommentiert sie, »so ist das Niemandsland!«
 
Wir können uns kaum losreißen von diesem verwunschenen Ort mitten im städtischen Trubel, aber Bernadette hat noch viel mit uns vor. Ihr ist wichtig, dass wir auch etwas über die Geschichte Oberbilks lernen und führt uns in die Monheimstraße. »Ach, da sitzt Markus am Fenster und wartet auf seine Freundin«, stellt sie fest und ich bekomme das Gefühl, dass Bernadette hier jede:n kennt. Das Fenster, in dem Markus sitzt, gehört zu einer Arbeiterwohnung, die während der Industrialisierung errichtet wurde. Durch die Eisenbahnanbindung zu den Kohlegruben im Ruhrgebiet sei der Stadtteil voll von »Malochern« gewesen, die sich, so erzählt uns Bernadette, »nach einer 12-Stunden-
Schicht in einer der 20 Kneipen auf der Kölnerstraße trafen, um mit Kumpels den Dreck und Schweiß des Tages runterzuspülen.« Auch Markus kann uns einiges über die Geschichte des Viertels erzählen und so betrachte ich den Ort erstmals aus der historischen Perspektive. Als ich Markus frage, woher er und Bernadette sich kennen, antworten beide: »aus Oberbilk!« Na klar! 

Gentrifizierung macht auch vor Oberbilk nicht Halt

Vor einem versteckten Atelier, einem ehemaligen Posamentenwerk, in dem schon der Opa ihrer Tochter gearbeitet hat, atmet Bernadette tief durch: »Und man merkt direkt wieder: Im Hinterhof herrscht Ruhe!«. Ganz klar: Die Sozialpädagogin liebt nicht alles an ihrem Zuhause, sie hat auch viel zu kritisieren. So sprechen wir über die Zunahme des Durchgangsverkehrs und das Überangebot an Discountern und Billigläden. Sie zeigt uns ein altes Gebäude, in dem nun zahlreiche Startups ihre Büros haben. Bernadette wünscht sich mehr regionale Handwerksbetriebe statt solcher »Schickimicki-Unternehmen«. Aber die Gentrifizierung macht natürlich auch vor Oberbilk nicht Halt.
 
Unsere Tour endet schließlich an Bernadettes Wohnung, einem weiteren Hinterhof, der uns vor dem Lärm der Stadt abschirmt und in dem wir uns alte Bilder vom Viertel ansehen. Sie erinnert sich an den Baulärm, der während des U-Bahn-Baus zwischen 1996 und 2002 ihr Leben beherrschte. Da wird mir klar, was mich an Bernadettes Berichten besonders beeindruckt. In vierzig Jahren hat sie den Wandel eines Stadtteils hautnah miterlebt, trotz aller Strapazen und maßgeblichen Veränderungen ist sie geblieben und entdeckt die Schönheit ihres Viertels jeden Tag neu. In zwei Wochen ziehe ich um. Ich bin froh, dass ich nur zwei Straßen weiterziehe und Oberbilk treu bleibe.