Anke Retzlaff —
Deutschland / Konzert-Performance


Dream Machine

Foto: Melanie Zanin
Auf dem Gustaf-Gründgens-Platz steht eine Telefonzelle, die gar keine ist. Es handelt sich um eine Dream Machine, die das Publikum dazu einlädt, persönliche Traumerinnerungen, Wünsche und Sehnsüchte als Sprachnachricht zu hinterlassen, in jeder Sprache dieser Welt. Diese Botschaften werden Teil eines stetig wachsenden Stimmenarchivs, das später in Musik umgewandelt wird.

Mit den Stimmen von Festivalbesucher*innen und Teilnehmer*innen des Kongresses Junges Theater der Welt aus zehn Ländern entwerfen drei Musiker und eine Schauspielerin ein musikalisches Versuchsfeld. Ausgehend von Texten von Matin Soofipour Omam reisen sie quer durch das Unbewusste und suchen nach neuen Formen der kontaktlosen Verbindung. In einer vielstimmigen Komposition werden die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Gesang und Spoken Word, Electro und Jazz aufgelöst. Die Dream Machine auf dem Gustaf-Gründgens-Platz, die die Stimmen der Festivalbesucher*innen sammelt, kann über die gesamte Dauer des Festivals besucht werden.

Der Klang der Träume

Ein Interview mit dem Traumforscher Michael Schredl über die emotionale Dynamik von Träumen
In der Konzert-Performance »Dream Machine« setzen drei Musiker und eine Schauspielerin die Träume von Festival-Besucher*innen live in Musik um. Jede*r kann einen Traum beisteuern, 18 Tage lang werden die Traumerzählungen des Publikums in einer Telefonzelle – der »Dream Machine« – auf dem Gustaf-Gründgens-Platz gesammelt. Im Rahmen ihrer Recherche für das Projekt sprach die Regisseurin und Schauspielerin Anke Retzlaff mit dem Traumforscher und wissenschaftlichen Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut Mannheim Prof. Dr. Michael Schredl über die emotionale Dynamik von Träumen.

Anke Retzlaff (AR) — Das Projekt »Dream Machine« verfolgt unter anderem die Idee, individuelle Träume in Musik zu übersetzen und so für ein Publikum, eine größere Gruppe erlebbar zu machen. 

Michael Schredl (MS) — Der künstlerische Ansatz ist interessant. Denn Träume haben vor allem eine persönliche Qualität. Von Träumen erzählen wollen viele Menschen, zuhören hingegen ist schwieriger. Wenn Sie das jedoch künstlerisch umsetzen, bringen Sie eine andere Qualität mit rein. 

AR — Ja, es ist schwierig, einen Traum interessant zu erzählen. Oft scheint Sprache das Erlebte nicht richtig abzubilden. Unser Versuch ist es, mittels Musik näher an die Qualität der Träume heranzukommen, vor allem an Emotionen darin. Ursprünglich sind wir auf dieses Thema aber gekommen, weil wir während des ersten Lockdowns Gespräche mit Menschen geführt haben, die uns berichteten, dass sich die Pandemie anfangs wie ein Traum für sie anfühlte. 

MS — Interessant, denn es ist das Wachbewusstsein, das bewertet, ob etwas als Traum wahrgenommen wird. Im Traum selbst denkt man ja, dass man wach ist, aber sobald man aufwacht, wird der Traum als nicht wirklich bewertet. Dasselbe passiert, wenn sich in der Realität plötzlich unbekannte Dinge ereignen, die sich nicht so einfach in die Wacherfahrungswelt integrieren lassen.

AR — Genau das geschah während des ersten Lockdowns: Soziale Regeln wurden von einem Tag auf den anderen verändert und die Zeit schien stillzustehen. Es war wie ein Traum, den man aber nicht alleine träumte, sondern mit vielen Menschen gemeinsam. In dem Zusammenhang haben wir uns auch mit Nacht-Träumen beschäftigt. In einer Studie wurde festgestellt, dass bei unterschiedlichen Menschen plötzlich dieselben Bilder auftauchten – zum Beispiel von Insekten oder unsichtbaren Bedrohungen.
MS — Da gibt es natürlich einen Effekt der Pandemie auf die Träume, da alles, was man am Tag erlebt, auch in den Träumen vorkommt. Ich erinnere mich an einen solchen Traum: Jemand sitzt in einer Box und kann nicht heraus. Träume neigen dazu, Ängste in dramatischen Bildern darzustellen, statt die eigentliche Situation aufzurufen. Die Idee von Träumen ist letztendlich das, was Theater und Kunst auch machen – Mittel und Bilder zu finden, um eine Emotion greifbar zu machen.

AR — Für die Konzert-Performance arbeiten wir auch mit Texten der Autorin Matin Soofipour Omam. Sie erzählt, wie eine Person während der Pandemie ihren Vater verliert, ohne dass sie sich von ihm verabschieden kann. In dieser Zeit erlebt sie immer wieder denselben Alptraum. Inwiefern können Träume dabei helfen, Ängste oder Trauerprozesse zu verarbeiten?

MS — Bei Ängsten ist es wie bei einem Verfolgungstraum: Weglaufen bringt nichts, sonst wird die Angst nur größer. Eine erste Bewältigungsstrategie von Alpträumen kann darin bestehen, dass man den Traum jemandem erzählt. Das hilft aber nur, wenn auch darauf eingegangen wird. Einem Kind hilft es nicht, wenn ein Erwachsener sagt: »Das war doch nur ein Traum. Du brauchst keine Angst zu haben.«

AR — Und was hilft stattdessen?

MS — Erst wenn man sich mit dem Traum konstruktiv auseinandersetzt, kann man die Themen bearbeiten und bewältigen. In der therapeutischen Behandlung von wiederkehrenden Alpträumen muss man sich daher im Wachzustand vorstellen, was man im Traum gerne anders machen würde. 

AR — Und wenn es gelingt, seinen Traum zu verändern, kann vielleicht auch die Realität verändert werden? Es ist faszinierend, was für ein Potenzial in Träumen steckt. Für uns ist das auch ein Versuch, nach knapp anderthalb Jahren Vereinzelung als Künstler*innen wieder miteinander in Kontakt zu kommen und ein künstlerisches Gemeinschaftserlebnis zu erzeugen, in dem man sich sensibel und intim begegnet. Mit »Dream Machine« wollen wir Träume als Indikatoren für gesellschaftliche Bedürfnisse, Ängste und Wünsche ernst nehmen.  
Aufgezeichnet von Katharina Rösch

Anke Retzlaff:
Dream Machine
03.07.21, 18:30 - 20:00
Online
Livestream , Uraufführung
Preise: 5,00 €
Karten iCal
03.07.21, 18:30 - 20:00
Central, Kleine Bühne
Uraufführung
Preise: 12,00 €
iCal
04.07.21,
Online
Video-on-Demand

Das Video-on-Demand ist am 04.07.21 von 16 bis 23:59 Uhr verfügbar.
Preise: 5,00 €
Karten iCal
04.07.21, 19:30 - 21:00
Central, Kleine Bühne
Preise: 12,00 €
Karten iCal

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