Festivalredaktion

eInS MIt der pUppe

Lara Foot und die Handspring Puppet Company begeistern live aus Kapstadt

Copyright: Kirsti Cumming

von Benita Stelz

Michael K. wird in Kapstadt mit einer Lippenspalte geboren und erlebt deshalb eine Kindheit, die von Abstoßung und Einsamkeit geprägt ist. Vor allem aber erzählt das Stück die Geschichte eines Mannes, der mit dem Krieg aufwächst und seine Freiheit um keinen Preis aufgeben will.

Der Inszenierung »Leben und Zeit des Michael K.« zugrunde liegt das gleichnamige Buch des späteren Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzees, der 1983 für dieses Werk mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Die Geschichte thematisiert die Kolonialvergangenheit Südafrikas und stellt immer wieder die Frage in den Raum: Was bleibt von einem Menschen am Ende noch übrig? Was hinterlässt er?

Zum Festivalauftakt fand die Uraufführung entgegen der ursprünglichen Planung im Baxter Theatre Centre in Kapstadt statt. Eigentlich sollte dort ein gemeinsames Ensemble beider Theater, unter der Regie von Lara Foot in Zusammenarbeit und mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company proben. Weder die gemeinsamen Proben noch die Reise der afrikanischen Schauspieler:innen nach Deutschland waren möglich. Daher wurde die Inszenierung live ins Düsseldorfer Schauspielhaus übertragen. Gespielt wird das Stück auf Englisch, Afrikaans und Xhosa, übertitelt wird es auf Deutsch.

Natürlich geht die Interaktion zwischen Schauspieler:innen und Publikum verloren. Die Künstler:innen erleben die Reaktionen der Zuschauenden nicht. Aber die Inszenierung in Top-Qualität auf der großen Kinoleinwand im Theatersaal sehen zu können, ermöglicht auch ungewohnte Perspektiven. Die Zuschauenden haben die Möglichkeit, nah dran zu sein und auch kleine Details mitzuerleben. In den Gesichtern der Schauspieler:innen spiegeln sich die Anspannung, Freude und Angst der Puppen wider, als ob sie eins wären. Die Kamera fängt dabei immer den richtigen Moment ein.

Im Vordergrund der Inszenierung steht Michael K., die anderen Schauspieler:innen wechseln oft und schnell unbemerkt die Rollen. Die hölzernen Puppen werden grandios gespielt.
Jede ihrer Bewegungen sitzt perfekt und haucht ihnen Leben ein.
Benita Stelz
Die Puppe der Ziege wirkt so echt, dass man das Gefühl hat, da kämpft gerade wirklich eine Ziege um ihre Freiheit. Wenn Michael K. läuft, bewegt sich nicht nur sein Körper über die Bühne. An seiner Haltung und seinen Bewegungen ist sogar seine Stimmung abzulesen, obwohl sein Gesicht immer starr bleibt. 

Wenn man am Anfang noch denkt, die drei Menschen, die sich ständig hinter der Puppe befinden und diese spielen, stören die Atmosphäre, so wird man schnell vom Gegenteil überzeugt. Die drei schwarz gekleideten Personen sind mal Puppenspielende um Michael K. herum, dann wieder befinden sie sich im Hintergrund. Während der gesamten Zeit fügen sie sich perfekt in das Stück ein, spielen mit. Sie haben dieselbe Körperhaltung wie die Puppen und bewegen sich im Hintergrund mit ihnen. Sie verstärken die Emotionen von Michael K. und transportieren auch solche Gefühle, die die Puppe nicht übermitteln können.

Während die erste Hälfte noch spannend erzählt und sehr gefühlvoll ist, zieht sich die zweite Hälfte des Stücks in die Länge. Die Emotionen des Protagonisten sind nur noch stellenweise nachzuvollziehen. Warum sind seine Glaubenssätze so stark, dass er sich solch heftigen Qualen aussetzt?

Auffällig ist, dass für Michaels Lippenspalte immer wieder das Wort »Hasenscharte« genutzt wird. Aufgrund der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist es vielleicht noch nachvollziehbar, dass die Personen in der Geschichte diesen Begriff benutzen. Bei der Erzählerstimme, die das gesamte Stück begleitet, halte ich solch einen diskriminierenden Begriff aber für überflüssig und unangebracht.

Am Ende bleibt eine Geschichte im Kopf, die vor allem durch das Spiel mit einer Puppe hervorsticht, die beeindruckend lebensecht gespielt wird. Auch wenn durch die Liveübertragung die Interaktion mit dem Publikum verloren geht, so gewinnt die Inszenierung dadurch an Perspektive und Detailschärfe.

Lara Foot und Handspring Puppet Company:
Leben und Zeit des Michael K.
17.06.21, 18:00 - 21:15
Schauspielhaus, Großes Haus
Uraufführung , Live-Übertragung aus Kapstadt

Festivaleröffnung mit anschließender Live-Übertragung der Uraufführung aus Kapstadt.

17.06.21, 19:00 - 21:15
Online
Livestream , Uraufführung , Live-Übertragung aus Kapstadt
18.06.21, 16:00 - 23:59
Online
Video-on-Demand
18.06.21, 19:00 - 20:45
Schauspielhaus, Großes Haus