Festivalredaktion

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Über das Zusammenspiel von Tanz, Musik und Bühne in »Archipel«

Copyright: Martin Rottenkolber

von Benita Stelz

Am Anfang ist der Takt der Musik langsam, zwischendurch wird es fast still. Die Performer:innen tragen enge Ganzkörperanzüge, genauso weiß wie die Bühne. Ihre Bewegungen sind so klein und still wie die Musik. Dann steigen Geschwindigkeit und Lautstärke der Klänge. Im selben Rhythmus nimmt die Intensität der Bewegungen zu. Das Ensemble wirkt wie eine Einheit, auf individuelle Art bewegen sich alle in den gleichen Formen. Die Klänge werden diverser und stärker. Der Tanz wird größer und schneller. Als ob die Tänzer:innen Energie aus der Musik schöpfen, werden ihre Bewegungen wilder.

Choreografin Stephanie Thiersch und Komponistin Brigitta Muntendorf haben für »Archipel« eng zusammen gearbeitet: Die Stimmen der Performer:innen vermischen sich mit denen des norwegischen Solisten-Chors, die wegen der Pandemie aus den Boxen kommen. Einige Musiker:innen haben Instrumente dabei, hier eine Geige, da eine Klarinette. Sogar die Bühne selbst ist ein Instrument, das immer wieder bespielt wird. Zu hören ist die Musik auch um einen herum, mal weiter weg, dann direkt hinter einem, erst eher rechts, dann wieder links.

Von allen Seiten haben die Zuschauer:innen Blick auf die Bühne. Sie ist ein Konstrukt von Sou Fujimoto. Der japanische Architekt hat mehrere Ebenen aus weißen runden Formen entworfen. Von allen Seiten klettern die Künstler:innen auf die Plateaus oder unter ihnen hindurch. Es gibt keinen Mittelpunkt des Geschehens, sondern vieles passiert gleichzeitig auf verschiedenen Seiten. Konzentriert man sich auf einen Part, verpasst man anderes.

Copyright: Martin Rottenkolber
Copyright: Martin Rottenkolber
Das Spiel von zunehmender und abnehmender Intensität wiederholt sich immer wieder mit neuen Bewegungen und abgewandelter Musik. Diese Veränderungen sind spannend zu beobachten, aber was ist die Bedeutung dahinter? Auch eine eigene Erklärung zu finden, fällt schwer. Wüsste man, was beispielsweise die blauen Elemente an den Kostümen darstellen sollen, wäre es viel interessanter zu sehen, was mit diesen Elementen passiert. So aber bleibt es ein bloßer Kostümwechsel.

Auch einen eindeutigen Schlusspunkt hat die Inszenierung nicht. Als es irgendwann dunkel wird, braucht es einen Moment, bis man realisiert, dass es jetzt zu Ende ist. 

Was bleibt, ist ein beeindruckendes Bild im Kopf. Von einer Bühne, die in der Mitte des Saals wie ein Kunstwerk thront, von Musik, die einen von allen Seiten packt, und von Tänzer:innen, die sich vollkommen von der Energie dieser Klänge leiten lassen. Eine Erklärung hätte den schönen Bildern noch mehr Stärke verliehen. So bleibt »Archipel« am Ende vor allem wegen des Zusammenspiels von Bühne, Musik und Ensemble in Erinnerung.