Festivalredaktion

Erlebter Alltagsrassismus

Über Penda Dioufs eindrucksvolle Spurensuche nach eigenen Erinnerungen
Copyright: Melanie Zanin

von Benita Stelz

Ist Deutschland rassistisch? Sie sagen nein? Pistes erzählt eine andere Geschichte. Was der Autorin Penda Diouf in Paris passiert ist, könnte genauso gut hierzulande spielen. Es ist keine Geschichte von böswilligen Gewalttaten, aber eine von Alltagsrassismus im Leben einer jungen Schwarzen Frau in Frankreich. Dabei kommt das Stück nicht etwa wie ein Vortrag daher. Der Monolog beschreibt viel mehr einzelne Erlebnisse, die einem wirklich nahe gehen. Aneinander gereihte Situationen, die einem roten Faden folgen und von einer Art Rassismus erzählen, bei der viele Deutsche gerne wegschauen.

In einer Szene ist die Autorin gerade erst im Kindergarten. Sie ist das einzige Schwarze Kind in ihrer Gruppe und gehört deshalb zu den Außenseitern. Es soll ein Fest mit dem Titel „Afrika“ geben. Wieso gleich der ganze Kontinent und nicht einzelne Länder? Das hat auch sie damals nicht verstanden. »Passend« zum Thema sollen die Kinder Perücken bekommen und ihre Gesichter mit schwarzer Farbe anmalen. Blackfacing wird Anfang der 1990er noch nicht hinterfragt. Als Penda an der Reihe ist, schickt man sie weg, schließlich sei sie ja schon Schwarz. „Mir wurde klar, was ich in ihren Augen bin, ein Karnevalskostüm“, erzählt sie. Warum das passiert, kann sie noch nicht einordnen.
Mir war klar, was ich in ihren
Augen bin: ein Karnevalskostüm.

Penda Diouf
Auf der Bühne stehen nur ein rosa Koffer und ein Stuhl, nichts was von der Geschichte ablenken könnte. Die Schauspielerin Nanyadji Ka-gara steht allein in der Mitte der Bühne. Ihr Kostüm ist unauffällig, ihr Spiel dafür umso stärker. Da sind keine großen Bewegungen und Gestiken, ihre Mimik ist kontrolliert und gut ausgewählt, sie lässt ihre Stimme den gesamten Raum einnehmen. Mit ihr transportiert sie die gesamte Inszenierung über ein verzweifeltes Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie erzählt von der Kindheit einer Schwarzen Jugendlichen, die alleine ist und für die es schwierig ist, Vorbilder zu finden, die so sind wie sie.

Mit 20 Jahren reist Penda Diouf von Paris nach Namibia, auf der Suche nach eigenen Erinnerungen. Pistes bedeutet auf Deutsch Spuren, und genau die hofft sie im Sand der Namibischen Wüste zu finden. In Gedanken ist sie bei Frankie Frederick, dem einzigen namibischen Sportler, der jemals eine olympische Medaille gewonnen hat. In ihrer Kindheit war er ein großes Vorbild für sie, weil auch er Schwarz ist. Denn in ihrer Umgebung gab es keine anderen Schwarzen außer ihrer Familie.

Der Regisseur Aristide Tarnagda kommt aus Burkina Faso. Seiner Inszenierung lauscht man die gesamten 75 Minuten gespannt und mitfühlend, trotz der schweren Thematik. Sie ist weder monoton noch langwierig. Man spürt die müde Verzweiflung, die die gesamte Geschichte begleitet, in jedem Moment.

Am Ende gleitet Sand durch die Finger der Schauspielerin, symbolisch für den Sand, der auch die namibische Wüste bildet, in der so viele Menschen beim Massaker der deutschen Kolonialarmee an den Herero und Nama 1904 starben. Es bleibt ein eindrucksvolles Bild. Ich frage mich, wie lange es sich in den Köpfen des Publikums halten wird.