Massimo Furlan, Claire de Ribaupierre —
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European Philosophical Song Contest

Foto: Laure Ceillier und Pierre Nydegger

Der Eurovision Song Contest kommt nach Düsseldorf! Allerdings mit einer markanten Neuerung: Alle Texte des diesjährigen Liederwettbewerbs stammen von zeitgenössischen europäischen Intellektuellen aus u. a. Soziologie, Anthropologie, Philosophie, Literatur oder Geschichte. Aus zehn Ländern, vom Nordkap bis Gibraltar, von der Bretagne bis zur litauischen Küste, wurden die Beiträge eingesandt. Sie alle stellen sich im ersten European Philosophical Song Contest nicht nur dem anspruchsvollen musikalischen Wettstreit, in diesem Jahr geht es auch um die überzeugendste Antwort auf die Frage: Was soll aus Europa werden?

Gemeinsam mit einem Team der Universität für Musik Lausanne haben Regisseur Massimo Furlan und die Dramaturgin Claire de Ribaupierre eingängige Popsongs zu den philosophischen Texten der Autor*innen komponiert. Die Bühnenshow, live gesungen und orchestriert, lädt ein zu einer aufregenden Reise durch viele Länder, und alle Zuschauer*innen stimmen gemeinsam über die beste Vision für Europa ab! Es moderiert die Schauspielerin Anna Schudt. Flankiert wird das Publikum von einer Jury aus Düsseldorfer*innen, die live am Abend jeden Song diskutiert und eine eigene Wertung vergibt. Ob Sie deren Meinung folgen oder Ihrem eigenen Gefühl vertrauen – zuletzt wird das Gesamtvotum entscheiden.

Claire de Ribaupierre und Massimo Furlan: Geografen der Herzen

von Alexandre Demidoff
Das Künstlerpaar aus Lausanne wird auf Bühnen in ganz Europa für seine groß angelegten Odysseen gefeiert. Gespräch mit zwei Partisanen, die sich gegenseitig bezirzen.

Sie lassen uns singen, ihre Klavierbegleitung: alles andere als wohltemperiert, das ist ihr Markenzeichen. Massimo Furlan und Claire de Ribaupierre aus Lausanne sind als Kofferträger des Teufels unterwegs. Rollen unsere Seele auf der Sackkarre davon. Im Februar 2019 machte das weitreisende Paar mit Les Italiens (Die Italiener) Furore im ausverkauften Théâtre de Vidy.

Ein Meisterstück: Der Stoff des Lebens umgeschneidert in Festgewänder. Auf der Bühne erzählen heitere, ergraute Italiener, die teilweise seit einem halben Jahrhundert in der Schweiz leben, von ihrer Ankunft im helvetischen Hoheitsgebiet. Grenzwachen nehmen sie in die Mangel, Eingeborene verziehen die Gesichter, der Fiat 500 macht Mätzchen. Der Geruch unserer Geschichte liegt in der Luft, gespickt mit damaligen Gassenhauern. Zwischen den Zeilen auch Massimos Herkunft.

Bei Massimo und Claire wird das Theater zu einer Hommage an die Gastlichkeit. Sie empfangen ihr Publikum in Lausanne in einem Loft so groß wie das Schloss der Träume. Sie hüllen es in Reinheit und Klarheit. Man sitzt an Tischen vor einem duftenden Kaffee. Bewundert die Ausstattung. Keine trennenden Wände. Da und dort stehen Bücherstapel – wie Trinkbrunnen –, ein Kicker, unter dem eine dicke Katze döst, weit im Hintergrund das elterliche Bett und überall Relikte von Wundern, Fetzen von Dokumenten wie bei Alice im Wunderland.

Die Welt als Bühne

In diesem Piratennest nimmt alles seinen Anfang, erzählt das Paar: Die Eskapaden mit ihren drei Kindern, die Bühnenodysseen, auch der nächtliche Ausflug in den Wald, zunächst mit dem Zug, dann zu Fuß, mit Fanfare im Mondschein und Klopfgeistern mitten auf der Lichtung – The Wind in The Woods in den Gefilden des Gros de Vaud. 

Die Katze trollt sich davon, Massimos Legende nimmt ihren Lauf. Claire rollt die Geschichte nochmal auf. Erzählt von dem Tag, als er nach langen Diskussionen erreicht, dass der Große St.Bernhard-Tunnel an zwei aufeinanderfolgenden Abenden für den Verkehr geschlossen wird, damit er die sommerlichen Wanderbewegungen darin nachspielen kann, die Rückkehr nach Italien mit den Eltern. Von den Abenden, an denen er im Olympiastadion von Pontaise vor Hunderten Zuschauern ganz allein das aufreibende Halbfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft von 1982 nachstellt, bei dem die Franzosen von Michel Platini auf Karl-Heinz Rummenigges westdeutsche Mannschaft trafen.

Gerne wüssten wir, woher sie ihre Zauberkräfte schöpfen, wie sie die Kunst und das Leben von ein und derselben Kommandobrücke navigieren; wie sie ihre Träume in Einklang bringen.

Stückideen haben sie massenweise auf Lager, lachen sie. Die erste Vision kommt oft von Massimo. Claire wägt die Idee dann ab. Legt manchmal ihr Veto ein. »Das ist doch Käse!« Meistens notiert sie die Gedanken in ihren Heften, in denen sie alles festhält, den Lauf ihres Lebens, die Gedankenblitze für ihre Lehrveranstaltungen, die die großmütige Intellektuelle gibt, ihre Anstöße zur Stück- und Figurenentwicklung, die ihr bei den Proben kommen.

Ihre Besessenheit: sich nicht wiederholen. »Ich möchte bis zum Schluss lernen, dieser Ehrgeiz treibt mich an«, gesteht Claire, die an der Hochschule für Darstellende Kunst in Lausanne lehrt. Bei den Proben zu einem Stück wie Les Italiens (Die Italiener) steht Massimo mit auf der Bühne, neben den völligen Theaterlaien, die er über die Strände ihrer Erinnerung führt. Claire hingegen sitzt im Zuschauerraum, achtet sehr genau auf spontane Einfälle, aber auch auf das Gesamtgefüge des Stücks, fällt, wenn es sein muss, auch mal ein gnadenloses Urteil.
»Aber wer entscheidet, wenn Dinge unklar sind?« »Das mache ich dann«, erklärt Massimo. Claire bestimmt, worum es in einem Stück genau geht, baut das intellektuelle Gerüst, die Struktur.

Supermann als Totem

Der Kaffee duftet. Im Kaffeesatz, die Träume eines Lebens. Sie erinnert sich an ihre erste Begegnung. In einer Produktion der Amateurtruppe des Théâtre des Trois P’tits Tours in Morges spielte sie in einer Komödie von Eugène Labiche die Braut. Er kümmerte sich ums Bühnenbild. Fast kann man sie sehen: Sie steigt aus einem Film von François Truffaut und führt die Magnetkraft der Flaniererin durch die Welt spazieren. 
Wir malen uns weiter aus: Er ist stolz und schweigsam, beendet eine alte Revolte, schäumt wie sein Held Joe Strummer, der Sänger von The Clash. Weil sie den Mann ohne Eigenschaften liest, diesen Koloss von Robert Musil, gibt er vor, ganz in Hegels Vorlesungen über die Ästhetik vertieft zu sein. Doch Massimo müsste gar nichts vorgeben, sie ist seinem Charme längst erlegen. »Wir haben uns durch den Mann ohne Eigenschaften verliebt«, flüstert sie. 
Claire macht ihren Doktor in Literaturwissenschaft. In ihrer Arbeit geht es bereits um Gedächtnis und Erinnerung, Themen, die in so vielen ihrer Stücke eine Obsession sind. Massimo feilt an einer Fantasie vom Superhelden. Ihre älteste Tochter wird geboren, es folgt ihre gemeinsame Inszenierung Love Story Superman. Schon darin zeigen sie eine Vorliebe für Überhöhung: unsere Mythologie als zauberhafte Ausweitung ihres Teenager-Zimmers. 

»Eindrucksvolle Entschlossenheit«

Mit fünfzehn wollte Claire Journalistin und Schriftstellerin werden. Bücher waren ihre Lagunen und sie tauchte begeistert aus ihnen auf. Massimo hingegen stürzte sich mit der Zeitschriftenreihe I Maestri del colore in die Werke der alten Meister wie Botticelli und Rubens, während er nebenbei Joy Division und Ian Curtis wüten hörte. Rund um sein Bett lagen seine eigenen Bilder. Den Ulysses von James Joyce zu lesen, war damals ein Schock, erinnert er sich. 

Hat er sich mit der Zeit verändert? »Als ich ihn kennenlernte, war er schon ernst und verschlossen, aber eigentlich kann er sehr lustig sein. Er ist ein Erzähler, liebt aber auch die Stille des Waldes, in dem er stundenlang spazieren geht.« Und sie? »Sie ist der Kitt der Familie. Bei allem, was sie macht, zeigt sie eindrucksvolle Entschlossenheit.«
In den nächsten Tagen wird Massimo zwischen zwei Proben in Vidy vielleicht durch die Wälder des Jorat stromern. Danach wird er mit Claire im Theater weiter an ihrer nächsten Inszenierung arbeiten, dem Europäischen Wettbewerb des philosophischen Chansons – der im September 2019 Premiere haben wird. Dafür haben sie namhafte Köpfe gebeten, musikalische Bravourstücke zu schreiben. Wie so oft verschränken sie komplexe Ideen und Popkultur.

Massimo und Claire habe eine Leidenschaft: spontane Gemeinschaften entstehen lassen, die anschließend aus Neigung zusammenbleiben, Leuten wie du und ich, von der Freude am Spiel verwirrt, in einem Zug oder auf einem Schiff, wie kürzlich in Bordeaux. Immer wieder lassen sie uns vergessen geglaubte Melodien singen – das ist ihr Recht als Geografen der Herzen –, lassen uns Grenzen überwinden. »Claire schenkt mir Vertrauen, um teilen zu können. Mich selbst verschenken zu können.« Ganz wie im Chanson d‘amour.

Dieser Artikel ist das erste Mal am 9. August 2019 in Le Temps, Schweiz erschienen.

Massimo Furlan, Claire de Ribaupierre:
European Philosophical Song Contest
23.06.21, 20:00 - 22:15
Schauspielhaus, Großes Haus
Deutschlandpremiere
Im Anschluss an die Vorstellung Zuschauer*innengespräch Vision: Europa
23.06.21, 20:00 - 22:15
Online
Livestream

Aus urheberrechtlichen Gründen ist dieses Video nur in Europa verfügbar.
24.06.21, 20:00 - 22:15
Online
Livestream

Der Livestream ist am 24.06.2021 von 20:00 bis 22:00 Uhr verfügbar. Aus urheberrechtlichen Gründen ist dieses Video nur in Europa verfügbar.
24.06.21, 20:00 - 22:15
Schauspielhaus, Großes Haus