Lebenszeichen aus der ganzen Welt


Interview mit Stefan Schmidtke
Foto: Thomas Rabsch
2020 hatte das in Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus stattfindende Festival »Theater der Welt« satte 36 Projekte aufgelegt. Nicht alle davon können in diesem Jahr nachgeholt werden. Dafür sind nun einige neue Arbeiten hinzukommen, so dass jetzt 24 in Düsseldorf gezeigt werden sollen. Erstmals nehmen auch Kinder- und Jugendtheater-Produktionen einen großen Raum im Festivalprogramm ein. Welche Rolle spielen solche internationalen Großveranstaltungen in diesen Zeiten? Ein Gespräch mit dem künstlerischen Festivalleiter Stefan Schmidtke.

kultur.west: Herr Schmidtke, gegenwärtig sind die Theater ganz von den Inzidenzzahlen in den einzelnen Städten abhängig. Wie geht ein großes internationales Festival damit um?

Schmidtke: Wir haben sichergestellt, dass alle Gruppen, denen dies aufgrund der in ihren Ländern bestehenden Verordnungen möglich ist, anreisen und damit in Düsseldorf vor Ort sein werden. Wir halten uns damit bis zum letzten Tag die Tür offen. Sollte die Inzidenz unter 50 gehen, können wir die Säle aufmachen. Wenn wir das nicht dürfen, gibt es das Kunstwerk bei uns in Düsseldorf gespielt, aber in einem hochqualitativen, mit mehreren Kameras gedrehten und guter Bildregie geführten Live-Stream.

kultur.west: Hatten Sie auch über eine erneute Absage oder Verschiebung nachgedacht?

Schmidtke: Natürlich sind die Bedingungen nicht ideal. Live-Streams sind künstlerisch betrachtet wahrscheinlich nicht der Mount Everest unter den Möglichkeiten. Aber wir haben uns entschlossen, das Festival doch stattfinden zu lassen, weil eine weitere Absage dazu geführt hätte, dass gar nichts stattfindet. Wir halten jedoch ein Lebenszeichen unserer Künstler in diesem Moment für unglaublich wichtig.

kultur.west: Das Festival umfasst aber nicht nur die in den Sälen gespielten Aufführungen.

Schmidtke: Genau. Es gibt auch noch das 18-tägige Programm auf dem Gustaf-Gründgens-Platz, und das könnte schon unter den gegenwärtigen Bedingungen zu 100 Prozent mit Publikum stattfinden. Wir sind sozusagen heiligste Erben der Ruhrtriennale 2020, die abgesagt werden musste. Wir übernehmen von dort eine gigantisch schöne Installation. Sie heißt »The Third Space«. Zu ihr gehört eine große Tribüne, auf der bis zu 400 Menschen Platz finden. Außerdem haben wir einen sechs mal vier Meter großen LED-Bildschirm, den wir vor das Schauspielhaus stellen können, so dass wir Live-Streams aus dem Theater auf den Platz anbieten können. Das ist dann ein bisschen wie beim Public Viewing im Fußball.

kultur.west: Wie schätzen Sie die Veränderungen ein, mit denen die weltweite Theaterszene seit Beginn der Pandemie konfrontiert wird?

Schmidtke: Es gab 2020 auch sehr positive Entwicklungen, die wirklich neu sind, weil es neue Formen der Zusammenarbeit gibt. Wir haben beispielsweise zusammen mit den Münchner Kammerspielen ein ungeheuer erfolgreiches Projekt namens »The Assembly  / Die Versammlung« entwickelt, das eigentlich 2020 beim Festival rauskommen sollte, dann aber im Oktober seine Premiere in München hatte.  Diese Produktion, die nun auch bei uns gezeigt wird, ist aus einer Internetverbindung eines kanadischen Künstlerteams mit einem sogenannten ›Schattenteam‹ in Deutschland entstanden.
An den Kammerspielen hat ein eigenes Regie- und Künstlerteam durch einen Austausch an Inhalten über das Internet die Ideen des kanadischen Kollektivs Porte Parole realisiert. Das ist eine neue Form der Zusammenarbeit, die auf beiden Seiten erstaunliche Lerneffekte hervorgebracht hat.

kultur.west: Diese neuen Arbeitsweisen können auch viele transnationale Reisen überflüssig machen. Bekommt dadurch die Frage nach der Verantwortung, die Künstler und internationale Festivals haben, eine andere Bedeutung?

Schmidtke: Die Frage, inwieweit Künstler symbolisch und exemplarisch etwa auf Flugreisen verzichten sollten, läuft ins Leere. Im asiatischen Raum fliegen unzählige Menschen so zu ihrer Arbeit, wie wir den Bus oder den Zug nehmen. Im Verhältnis dazu fallen die Reisen von Künstlern kaum ins Gewicht. Ich würde sagen, das muss politisch an einem ganz anderen Hebel gelöst werden. Der entscheidende Schritt wäre, dass es eine Industrie gibt, die das CO2 konsequent aus der Atmosphäre herausholt, so dass der industrielle Ausstoß von CO2 vollständig ausgeglichen wird. Diese Verantwortung kann man nicht auf die Künstler abwälzen. Der Schlüssel liegt bei der Politik. Wenn sich da nichts verändert, sind wir nur symbolische Rufer in der Wüste.

kultur.west: Moralische Diskussionen über Künstler lenken eher ab.

SCHMIDTKE: Ja, und ich glaube, Festivals sind in der heutigen Zeit noch viel wertvoller und sollten, soweit das möglich ist, unbedingt in Präsenz stattfinden. Ein Beispiel für die Notwendigkeit dieses direkten Austauschs ist die gegenwärtig meist nur mit Worten geführte Debatte zu Begrifflichkeiten des Rassismus. Die halte ich für äußerst kompliziert, weil sie jeweils die physischen und soziokulturellen Umstände wegblendet. Insofern ist es ungeheuer schmerzlich, dass aufgrund der Corona-Bestimmungen in Deutschland das südafrikanische Baxter Ensemble nicht live in Düsseldorf gastieren kann. Denn wenn sie 47 Südafrikaner im Düsseldorfer Schauspielhaus zu Gast hätten und sich Gespräche beim technischen Einbau, in der Kantine oder nach der Vorstellung mit den Mitarbeitern des Hauses ergeben würden, dann gäbe es auch eine ganz andere Auseinandersetzung damit, wie Rassismus überall präsent ist und wie er sich in anderen Gesellschaften manifestiert. Genau diesen Austausch hätte ich mir sehr gewünscht.

kultur.west: Fragen nach Formen von Rassismus wie nach dem Erbe des Kolonialismus nehmen im Programm einen großen Raum ein. Sind sie gegenwärtig das zentrale Thema in der internationalen Theaterszene?

Schmidtke: In Kanada, Mexiko, Chile, Indien, Australien, Burkina Faso und noch vielen weiteren Ländern kämpfen marginalisierte Menschen mit den Mitteln der Kunst gegen ihre Marginalisierung an. Sie kämpfen um ihren Platz im universellen Denken der bürgerlichen Gesellschaft. Zugleich setzen sie sich dafür ein, dass ihre kulturelle Herkunft die ihr gebührende Anerkennung findet. Und genau diese Kämpfe bilden wir in unserem Programm mit Arbeiten wie »Spuren – vier Monologe« von Étienne Minoungou, »Pistes« von Penda Diouf, »Leben und Zeit des Michael K.« von Lara Foot und der Handspring Puppet Company oder einem Projekt wie »Dramaturgie für eine Konferenz #2« ab.

Zur Person

Nach einem Regiestudium an der Moskauer Theaterakademie RATI-GITIS war der 1968 im sächsischen Döbeln geborene Stefan Schmidtke eine Zeit lang Teil des Leitungsteams der Baracke am Deutschen Theater in Berlin. Nach Regiearbeiten in Russland hat er 2002 die künstlerische Leitung der »forumfestwochen ff« der Wiener Festwochen übernommen. Seither ist er vor allem als Kurator internationaler Theaterfestival tätig. 2011 bis 2014 war er neben Almut Wagner leitender Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Das Interview führte Sascha Westphal.

Dieser Text erschien ursprünglich am 10.06.2021 im kultur.west – Magazin für Kunst und Gesellschaft in NRW.