Festivalredaktion

Ist das KUnsT?

Verschiedene Blicke auf eine Inszenierung

Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Performance »Kunst« lässt unsere Autorinnen einfach nicht los. Wir haben ihre kritischen Beobachtungen, ihre persönlichen Gedanken und ihre Skizzen zur Kunstbefragung des estnischen Künstlerpaares gesammelt.

Maya Saupe Morocho hat während der Vorstellung einige »Notizen« skizziert.

von Nicole Maas

In der estländischen-schweizerischen Inszenierung »Kunst« gerät die Kunst in eine Sinnkrise. Zu Beginn schaut das Publikum den in Schwarz gekleideten Performer:innen zu, die sich in einem weißen, sterilen Raum bewegen. Ein Kontrast. Minutenlang stehen sie vereinzelt betrachtend und denkend vor den weißen Wänden. Auch wenn sich keine Bilder an den Wänden befinden, erinnert die Situation an einen Museumsbesuch. Stille, Menschen in Anzügen, helle Räumlichkeiten. Ist das unsere Vorstellung eines Museumsbesuchs?

»Kunst« hinterlässt und stellt viele Fragen. Auch das Publikum wird zu einem Gemälde. Die Museumsbesucher:innen schauen lange in den Saal und es ist in ihren Gesichtern Schmerz, Übelkeit, Nervosität, Ekel und Angst abzulesen. War das etwa eine Gesellschaftskritik? Würde ein Abbild unserer Gesellschaft diese negativen Emotionen erwecken? Wie wird unser heutiges Zeitalter später in Museen dargestellt?

Irgendwann kommt Bewegung in den Raum. Wände werden zu Türen, sie öffnen und schließen sich. Weiße Kästen werden verschoben, die zu Erhöhungen für Statuen werden. Die eben noch ruhigen Kunstbetrachtenden werden zu Kunstobjekten, die begutachtet werden. Immer wieder wechseln die Rollen und Positionen. Imitiert werden griechische Statuen wie »Diskobolos« oder Michelangelos »David«, die »Cristo Redentor« in Rio de Jaineiro oder Lenin. Alleine das Identifizieren der berühmten Statuen aus den Körperhaltungen heraus verdeutlicht, welches kollektive Wissen von Kunst wir in uns verinnerlicht haben. Ist das unser Wissen über »die« Kunst?
Beautiful things have
to be expensive.
Mit jedem neuen Rollenwechsel der Museumsbesucher:innen zu gekleideten oder auch halbnackten Statuen wird die Situation immer mehr ins Absurde getrieben und lässt uns an der Kunstrezeption zweifeln. Was ist Kunst? Macht Kunst Sinn? Und wenn ja, welchen Sinn hat sie dann? Muss sie einen Sinn haben? Interpretieren wir zu viel in die Kunst? Irgendwann wird ein Sportschuh mit einer blonden Perücke im Zentrum des Raums als Kunstobjekt ausgestellt und ein weißer Kasten wird für Millionen von Euro versteigert. »Beautiful things have to be expensive«, ruft der geldgierige Versteigerer. Eine klare Kritik des estländischen Künstlerpaares am Kunstmarkt. Dabei betonen die Regisseur:innen im Nachgespräch, dass jeder Blick auf Kunst individuell und anders ist.
 
In »Kunst« kommt diese Perspektive auf künstlerisches Schaffen zu kurz. Die Inszenierung begrenzt sich auf den Diskurs zu Kunst in institutionellen Kontexten und verdeutlicht die Einbettung von Kunst im kapitalistischen System. Ist Kunst wirklich frei? Was will Kunst auslösen und was sollte sie thematisieren? Die Inszenierung nähert sich diesen und weiteren philosophischen Fragen an und hinterlässt beim Publikum und an die Kunst mehr Fragen als Antworten. Aber das ist auch der Sinn der Kunst, oder nicht?
Copyright: Petri Tuhkanen

von Carolin Müller

Kunst zu machen, ist das unnötig? Was bringt das für einen Mehrwert? Wie hilft Kunst dieser Welt mit all ihren Krisen? Bedeutet Kunst überhaupt etwas, wenn sie keiner sieht? Und würde ich Kunst machen, wenn ich wüsste, dass sie sich keiner ansieht?

Das sind Fragen, die ich mir als junge Person mit dem Zukunftstraum Künstlerin zu werden, täglich stelle. Und die Performance »Kunst« von Ene Liis Semper und Tiit Ojasoo, die im Programm als Auseinandersetzung mit dem Wert und der Kraft der Kunst beschrieben wird, hat mich an genau diese Fragen erinnert.

Die Inszenierung beginnt mit der Geschichte von einem super organisierten Menschen, der durch ein Gemälde in den Uffizien in Florenz total aus seinem Plan geworfen wird. Er muss es sich einfach immer wieder anschauen. Er beschreibt, wie er sich vornimmt, ein letztes Mal dort hin zu gehen und das ist der Startschuss für den White Cube, in dem der Rest der Inszenierung spielen wird. Die schwarze Wand hinter dem Mann fährt hoch und wir befinden uns augenscheinlich in einem Museum, später in einer Auktionshalle, in der ein Werk auf 100 Millionen Euro hoch gesteigert wurde. Es ist also schöner als alle anderen, denn es hat Wert.
 
Einen großen Teil der Inszenierung verbringen die Darstellenden damit, sich immer wieder im Raum neu zu positionieren, ständig verändert sich das Bild. Ich muss daran denken, wie meine Grafikdesign-Lehrerin mir mal gesagt hat: »Du hast keine Angst vorm Ausprobieren, das ist spitze«. So entstehen aber auch 1000 Möglichkeiten, die alle potenziell die besten sind.
 
Ich bin ein sehr entscheidungsunfroher Mensch und ich frage mich, ab wann ist es zu viel? Auch auf der Bühne wird mir das Posen langsam zu viel. Es wird immer bunter, verrückter und vor allem freizügiger. Im Hintergrund hören wir verschiedene Musikstile zusammengemischt und jedes Mal, wenn ein neuer Rhythmus einsetzt, habe ich das Gefühl oder sogar die Hoffnung, das etwas Neues passiert. Es wird auch immer variiert, aber den spannenden Absprung packt keiner. Diese Szene vom ständigen Posieren und Neuaufstellen, aber trotzdem immer dasselbe machen, ist definitiv zu lang, aber ich will es gar nicht schlecht reden. So ist das eben manchmal mit der Kunst und der Kritik. Definiere es jeder wie er oder sie will.

von Simone Saftig

Während der Performance »Kunst« des estnischen Regieduos Ene-Liis Semper und Tiit Osajoo beobachte ich ausnahmsweise nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern auch das Publikum um mich herum. Nach einer Dreiviertelstunde gehen die ersten Blicke Richtung Uhr. Nach einer Stunde dann die Erlösung: Jemand spricht mit uns. 

Was zuvor geschah: Vier Performer:innen agieren in schwarzen Anzügen im weißen Kubus. Zunächst beobachten wir sie beim Betrachten imaginärer bildender Kunst. Sie bewegen sich durch den Raum und fokussieren die Wände, treten näher, versichern sich der Beschaffenheit der unsichtbaren Kunst, treten zurück, hinter dem Rücken verschränkte Arme, typische Gesten beim konzentrierten Museumsbesuch. Schließlich wenden sie sich dem Zuschauerraum zu und das zögerliche Lächeln erlischt schon bald. Stattdessen macht sich Unwohlsein unter den Betrachter:innen breit, das jäh zwischen Gesten des Erbrechens, Ekel und schierer Panik oszilliert. Ein Schauspieler krümmt sich würgend auf dem Boden, ein anderer verfällt in verzweifeltes Schluchzen beim Anblick dessen, was sich dort auf den Sitzen offenbart. Wir scheinen ein äußerst evokatives Kunstwerk abzugeben und auch ich versuche den ansteckenden Würgereiz zu unterdrücken. 

Hier beginnt die stetige Transformation des Ensembles. Mal positionieren sich die Darsteller:innen, einem choreografierten Rhythmus folgend, auf Podesten. Dann stehen sie mit der Hand in der Hose daneben. Dabei changieren sie zwischen Exponat, Betrachter:in und Lustmolch und man fragt sich: Exponieren sich hier die Menschen oder werden die Exponate zum Menschen? Nach zwanzig Minuten durchdringt ein mitreißender Technobeat die Stille und wirkt als Initiator einer Choreographie, bei der die Performer:innen technisch durch den Raum gehen, zunächst im Gleichschritt, dann richtungswechselnd, einige verlassen den Raum und kommen mit neuem Kostüm zurück, um die nächste Statue auf dem Podest zu mimen. Es ist bisweilen anstrengend, meine Aufmerksamkeit auf diese Performance zu lenken. An zitternden Muskeln erkenne ich die körperliche Anstrengung der Darsteller:innen, die sich auf mich überträgt. Ich merke, dass die kontinuierliche Repetition meine Konzentration herausfordert. 

Das Betrachten der Inszenierung aktiviert in mir ein Gedankenkarussel: Wie soll ich diese Position interpretieren? Wie laufe ich eigentlich durchs Museum? Verschränke ich die Arme hinterm Rücken? Nehme ich mich selbst genauso ernst? Wer oder was ist eigentlich Kunst? Das, was auf dem Podest präsentiert wird oder alles drum herum? Wird hier die Sinnhaftigkeit oder die Sinnlosigkeit der Kunst exponiert? Ist das noch modern oder ist das schon absurd? Langweile ich mich eigentlich gerade? Was soll ich mir später zu Essen machen?
Schicht um Schicht
Es wundert mich kaum, dass irgendwann die Hüllen fallen und wir schließlich auch Genitalien zu sehen bekommen. Eine neue Ebene bleibt dadurch jedoch aus. Positionen von antiken Vorbildern rechtfertigen zwar nackte Haut, aber ebensolche haben wir schon vor einer halben Stunde gesehen und in Kleidung ebenso verstanden. Oder ist das ein Hinweis auf die selbstironische Auseinandersetzung? Wird uns hier vielmehr demonstriert, dass das Entblößen zum modernen Theater natürlich dazugehören muss?

Schließlich ist es 21:00 Uhr und eine:r der Darsteller:innen ergreift das Wort. Wir werden zu einer absurden Auktion willkommen geheißen, bei der ein umgestürzter Quader auf Rädern schließlich für 100 Millionen versteigert wird. Die Figuren werden zu Bietenden und nehmen somit eine neue Rolle im Kunstmarkt ein, während uns der Auktionator über den Wert von Kunst informiert: »Beautiful things have to be expensive otherwise people don’t take care of them.« Es folgt ein humoristischer Blick auf die Kunstszene, der die Selbstreferentialität des Stücks mit einem Augenzwinkern versieht. Ans Publikum gewandt, äußern die fünf Performer:innen ihre Meinungen über Kunst bis ins sprachliche Durcheinander. Es wird ironisch: Wir erfahren, was Kunst können kann und was Kunst müssen muss. Dass Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle doch zeigen würden, dass Kunst vielmehr als das visuelle Abbild von etwas sei. Dass Kunst doch keine Kunst sei, solange sie keine Schlüsselfragen thematisiere: Klima, Migration, Demokratie! Ich muss schmunzeln, denn ja, von dieser Sorte habe ich in letzter Zeit einiges gesehen. 

Es geht um Realismus, Radikalismus, Aktionismus, extremes Theater, Postmoderne, bis wir in die Farbenlehre eingeweiht werden, der Kubus verschiedene Farbtöne annimmt und eine:r der Darsteller:innen vom Rand gebetartig die Wirkung von Rosa besingt. Und auch das Publikum kommt wieder ins Spiel, als es von einem großen Scheinwerfer beleuchtet wird. Zurück bleibt ein sogenanntes positives Nachbild, kleine flackernde Lichter auf der Netzhaut, die mich noch in den kommenden Szenen daran erinnern: Wir sind Teil des Ganzen. Kunst steht, ob sie will oder nicht, im Diskurs zwischen Künstler:innen, Publikum und Kritik. Schließlich lautet die Erkenntnis »Es ist total schwierig zu beschreiben, wie Kunst genau funktioniert.« Ich verzichte auf das Schlusswort und schließe mich dem einfach an.