Festivalredaktion

Keine Frage der Versöhnung

Zur Beziehung von Kultur und Postkolonialismus – ein Kommentar zu »Pistes«
Copyright: Melanie Zanin

von Simone Saftig

»Es gibt mittlerweile viele Deutsche. Alles wird kleiner, die Horizonte, selbst die Körper mussten sich dem beugen, in die Knie gehen vor den neuen Herrschern. Der Körper ist Werkzeug, Maschine, ein Ventil, an dem man sich abreagiert. Man kann ihn ärgern, peitschen, ihm die Genitalien zerquetschen, ihn töten. Ein Körper, den man fortwährend für den Kaiser arbeiten lässt.« Penda Diouf, französische Dramaturgin mit senegalesisch-ivorischen Wurzeln, hat einen Monolog geschrieben, der ungeschönt und geradlinig persönliche Rassismuserfahrungen mit der Geschichte kolonialer Brutalität verbindet. Auf der Theaterbühne wird »Pistes« (dt. Spuren) zur Anklage. In der Inszenierung von Ariste Tarnagda steht das Publikum ebenso im Rampenlicht wie die Protagonistin, die von ihrer Reise nach Namibia erzählt und uns Stück für Stück die tiefen Spuren, die klaffenden Wunden der Kolonialzeit offenbart. 

Spuren, die in unserer Gesellschaft keineswegs nur im Verborgenen liegen, sondern bisweilen auf dem Silbertablett präsentiert werden. 1897 rauben britische Kolonialtruppen etwa 4000 Bronzen aus dem Königspalast Benin im heutigen Nigeria und stecken die Stadt daraufhin in Brand. Bereits seit Ende des Ersten Weltkriegs fordert Nigeria die Restitution der Metalltafeln und Skulpturen ihrer Kultur. Doch statt einer Rückgabe der Raubkunst wird zunächst geplant, wie man die Benin-Bronzen bei der Eröffnung des Humboldt-Forums im Herbst perfekt in Szene setzen könnte. Erst die öffentliche Debatte steigert den Druck auf die Verantwortlichen in Berlin und bringt sie dazu, über etwaige Rückgaben nachzudenken

Zögerliche Rückgabe

Ich frage mich, was dabei genau bedacht werden muss. Ob die Bronzen, die das unsichtbare Blut ganzer Völker an sich tragen nach Berlin gehören? Die Antwort muss Nein heißen. Ob die Rückgabe nach Nigeria logistisch unmöglich ist? Es gibt Stimmen, darunter auch die afrikanischer Museumsexpert:innen, die dieses Argument anführen. Doch wenn man die Wirtschafts- und Industriepolitik, die Regale in großen Kaufhäusern mit T-Shirts zum gleichen Preis einer Eiskugel betrachtet, kann man sich nicht vorstellen, dass die globale Transportlogistik zum Problem werden könnte. Ob die Restitution von Raubkunst zur Geschichtsklitterung beiträgt? Natürlich ist es unbedingt nötig, in europäischen Museen über Kolonialgeschichte aufzuklären. Und ich bin mir sicher: Es gibt jede Menge Kreativer, die sich dieser Aufgabe mit Freude annehmen würden. Darunter zahlreiche Künstler:innen, die selbst Nachkommen kolonialisierter Völker sind. Es ist so einfach: Hört diesen Menschen zu, gebt diesen Menschen eure Museumsräume, macht für diese Menschen die Bühne frei, um eure aufklärerische Aufgabe als Nachkommen rassistischer und menschenverachtender Kolonialherren ernst zu nehmen.

In der Tagesschau vom 30. April 2021 kündigt Deutschland schließlich die Rückgabe der Benin-Bronzen an, 124 Jahre nachdem sie gewaltsam geraubt wurden. Monika Grütters kommentiert die Entscheidung als Zeichen dafür, »dass wir mit Verständnis und auch aus Respekt vor der anderen Seite zur Versöhnung beitragen wollen – auch mit Ausstellungen im Humboldt-Forum, dazu bedarf es aber einer Verständigung auch über substanzielle Rückgaben.« Auch aus Respekt? Die andere Seite? Zur Versöhnung beitragen? Aus meiner Sicht ein irreführendes Wording, das einen Streit auf Augenhöhe impliziert. 

Wir müssen keine Zeichen setzen. Es kann nicht um symbolische Akte gehen. Es muss gehandelt werden.

Wir brauchen den Perspektivwechsel

Das Deutsche Kulturministerium kann nicht »zur Versöhnung beitragen«, es muss um Vergebung bitten. Dabei geht es nicht darum, die Schuld der Ahnen auf sich zu nehmen, sondern das eigene Handeln zu entschuldigen. Um Verzeihung für die Versäumnisse im Kampf gegen den Neokolonialismus zu bitten. Dafür, dass europäische Länder bis heute Kulturgüter anderer Völker in Beschlag nehmen. Dass noch immer Statuen von Sklaventreibern am Straßenrand stehen. Dass die Pluralität der afrikanischen Länder im Jahr 2021 nicht adäquat repräsentiert wird. Es liegt nicht in der Hand deutscher Museumsdirektor:innen Entscheidungen über Kunstwerke anderer Länder zu treffen. Es ist an der Zeit, endlich die eurozentrische Perspektive zu wechseln und die westeuropäische Arroganz abzulegen. Es müssen Gespräche folgen, in denen allein die ehemaligen Kolonien entscheiden. Welche Objekte sollen in Deutschland ausgestellt werden? Wie möchten sie ihre Kultur repräsentiert wissen? Was trägt wirklich zum Umdenken bei? Die Gespräche um die Benin-Bronzen sind dabei erst der Anfang. 

Unsere Aufgabe ist nicht die Präsentation von Diebesgut, sondern das gemeinsame Schaffen einer Erinnerungskultur. Dazu braucht es Gedenkstätten, junge Kunst und eine aktive Auseinandersetzung mit kolonialen Verbrechen, mit wissenschaftlichem Rassismus, mit wirtschaftlicher Ausbeutung, mit dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts an den Herero und Nama. Mit den Spuren, die sich bis heute durch die Gesellschaft ziehen – sichtbar und unsichtbar.