Festivalredaktion

kEtCHUpCREW & BlUMEndEMo

Bei »Playing Up« werden Kinder zu Performancekünstler:innen

Copyright: Angela von Brill

von Simone Saftig

»Wollt ihr spielen?« »Jaaaaa!« »Wisst ihr, was Performancekunst ist?« »Neeeein!« Als wir das Gelände auf dem Gustaf-Gründgens-Platz betreten, weist Christopher Weymann vom Fundus Theater gerade eine Gruppe von Kindern in die Welt von »Playing Up« ein. So frenetisch wie das »Ja« kommt auch das »Nein«. Daher: Egal, was diese Performancekunst auch sein mag, die Kleinen haben Lust darauf. Schon wenig später steht auch der Teamname fest: »Die Herzensbrecher« haben sich in der Kita kennengelernt und sind heute mit ihren Mamas gekommen, um Spaß zu haben. 

»Playing Up« von der Regisseurin Sibylle Peters und dem Hamburger Fundus Theater – Theatre of Research ist ein Projekt, das Kindern die Performancekunst näherbringen will und dabei mit dem Bruch von gesellschaftlichen Konventionen spielt. »Es geht darum, dass wir das Machtverhältnis von Kindern und Erwachsenen tauschen«, erklärt uns Christoph zu Beginn. Mehr wolle er erstmal gar nicht erklären. Das ist auch gut so, denn bei »Playing Up« geht es nicht ums Quatschen, sondern ums Machen. Wir begeben uns auf die Suche nach unserem inneren Kind: Kopf aus, Bauch an. 
Foto: Simone Saftig
Um die erste Spielkarte wird gewürfelt. Insgesamt gibt es sechs Kategorien, die wiederum verschiedene Aufgabenstellungen bereithalten. Wir würfeln »Sammeln & Erzählen« und finden uns kurz darauf, bewaffnet mit 500 Gramm Kokosfett und drei Spachteln, an einer Ecke vorm Schauspielhaus wieder. Die Frage: »Ist das Kunst oder kann das weg?«. Die Devise: »Jeder Mensch ist ein Künstler«. Passend zu Joseph Beuys‘ 100. Geburtstag dürfen wir eine Fettecke gestalten. Der Aktionskünstler hätte nicht lange gezögert, die Kinder sicherlich auch nicht, wir hingegen überlegen, wägen ab, diskutieren: Darf man das? Einfach hier auf dem Platz? Wir entscheiden uns für einen Kompromiss und nutzen die Mülltonne als Medium unseres fettigen Werks. Das mit dem Kopfabschalten üben wir noch, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird in der Mittagshitze zum organischen Objekt. Beuys wäre stolz auf uns. 

Währenddessen haben die kleinen Herzensbrecher eine ganz andere Mission: Es gilt, mit einem meterlangen Absperrband zu hantieren. Und was macht man mit Absperrband? Na klar: absperren. Dass die Halbwüchsigen dafür den Gründgens-Platz verlassen und direkt in die Fußgängerzone rennen, macht die Aktionskunst perfekt und kreiert eine Szenerie, die eine vielsagende Dynamik entwickelt. Einer der verantwortlichen kleinen Künstler:innen ruft beglückt: »Ja, das wird mega stark! Wir versperren alles!« Und Bruno erklärt mir sogleich die Intention der Performance: »Wir machen das, weil das gemein ist und dann kann keiner mehr durchkommen, auch nicht Autos!« 

Das intendierte Irritationsmoment der Performer:innen glückt. Eine Frau konstatiert genervt, sie wisse nicht, was das solle. Panisch kommen Optiker:innen aus zwei angrenzenden Geschäften geschossen. Wer denn dafür verantwortlich sei. Das müsse man sofort wieder beseitigen. Sonst gebe es Ärger mit der Filialleitung aus Hamburg. Eine beistehende Mutter bringt es auf den Punkt: »Man nimmt ein bisschen Flatterband und die Leute kommen nicht mehr auf ihr Leben klar.« Und so wird die fünfzehnminütige Aktionskunst der Kinder plötzlich zu einer Art Kapitalismuskritik. Marina Abramović hätte es kaum besser machen können. 
Foto: Simone Saftig
Während das Flatterband schließlich verstaut wird und die Menschen endlich wieder Brillen kaufen können, stellt Laurenz sein Plakat fertig. Er sollte ein Schild für eine Person basteln, die er ehren möchte und so prangen nun in großen Lettern zwei Namen auf goldenem Hintergrund: Tristan und Felix heißen die Freunde, denen sein Dank gilt. Laurenz‘ Papa ermutigt ihn, die Geschichte zu erzählen: »Als wir unsere Projektwoche hatten, haben die mich glücklich gemacht. Am Dienstag, als ich traurig war und ganz allein, sind sie zu mir gekommen und haben mich aufgemuntert.« Das wolle er am nächsten Schultag der ganzen Klasse zeigen. Die Aktion hat in ihm augenscheinlich Mut geweckt.  

Für Backgroundmusik und Stimmung sorgen zwei Enkelkinder mit ihrer Oma, die wild mit Drumsticks und Küchenutensilien auf eine Plastikkiste trommeln. Immer wieder motiviert die Großmutter ihre Schützlinge: »Hier dürft ihr das alles! Los!« Auf der anderen Seite des Platzes wird’s politisch: Team »Urlaubsreif« demonstriert mit Affenmasken und Plakaten für mehr Blumen und Bäume. Wofür auch sonst? 

Vor dem fulminanten Finale – der Ketchup- und Sojasaucenschlacht gegen die Erwachsenen – dürfen die Kinder noch tief in die Verkleidungskiste greifen. Dass sich Jungs als Mädchen und Mädchen als Jungs verkleiden sollen, unterstreicht jedoch eher die binäre Geschlechterordnung als dass es sie infrage stellt. Die Mädchen mit Hut verwandeln sich in Bürgermeister; die Jungs in Kleidern und »Hochhackschuhen« sind natürlich Prinzessinnen. Schließlich probiert Theo einen Zylinder an und verkündet stolz, jetzt sei er der Bürgermeister von Düsseldorf. Was er unter seiner Regierung als erstes durchsetzen würde? »Dass diese Veranstaltung niemals endet!« Ein schöneres Lob kann »Playing Up« wohl nicht bekommen.