Festivalredaktion

»Komische Menschen«

Ein kritischer Blick auf Jetse Batelaan und seine Geschichte
Copyright: Kurt van der Elst

von Eva Marschall

In diesem Jahr legt Theater der Welt einen Schwerpunkt auf Theater für Kinder und Jugendliche. Eingeladen wurde neben anderen auch Jetse Batelaan, dessen Stücke sich großenteils an ein sehr junges Publikum richten. Der Theatermacher leitet seit 2013 das Theater Artemis in s’Hertogenbusch. Dass er seine Inszenierung bei Theater der Welt zeigt, ist Teil des Preises des Internationalen Theaterinstituts (ITI), der dem niederländischen Künstler während des Festivals verliehen wurde. Dramaturgin Anja Dirks würdigte ihn in ihrer Laudatio als visionären, herausragenden Künstler. »Er erfindet eine Geschichte, einen Plot und mehr als das: eine neue Welt mit komplett neuen Spielregeln und Gesetzmäßigkeiten. Kaum jemand schöpft die Möglichkeit, dass im Theater grundsätzlich alles sein kann, so konsequent aus wie er.«

Auch sein gezeigtes Stück »Die Geschichte von der Geschichte« für Kinder ab acht Jahren kommt skurril daher. Da wird Bühnenboden gegessen, Scheinwerfer werden von der Decke geholt und Vorhänge demontiert. Denn in dem 2018 entstandenen Stück geht es um die Dekonstruktion des Theaters. Wortwörtlich.

Sehr zum Vergnügen der kleineren Gäste, die mir begeistert davon erzählen. Ich treffe Jari (8) und seinen Papa kurz nach der Vorstellung. Auch wenn er ziemlich ratlos ist, was er gerade gesehen hat, verrät Jari mir, dass er den Kindern in seiner Klasse das Stück sehr empfehlen kann. Und auch Michael (10), sein Bruder Jonathan (8) und Adam (8) kichern beim Versuch mir zu erklären, was da auf der Bühne passiert ist. Michael macht den Anfang: »Da waren so komische Menschen, und ein Lukas, der hat nach einer Geschichte gesucht, und der durfte nicht über die Kante gucken, weil sein Vater Hans ihm das verboten hat«.

Ist das wirklich lustig?

Die »komischen Menschen« werden von Erwachsenen wie Anja Dirks mit »Ureinwohnern« assoziiert. Warum passiert das? Etwa weil sie Stereotype bedienen wie das Bauen von Blasrohren oder aggressives Schreien ins Publikum und weil wir hier im weißen Europa solche Eigenschaften mit der Indigenen Bevölkerung verbinden? Später in der Inszenierung halbieren diese Menschen sogar eine »hysterische« Frau, um sie auf einen orange beleuchteten, von Rauchschwaden umgebenen Haufen aus umfunktionierten Theaterelementen zu legen. Mich erinnert diese Szene an eine kannibalistische Handlung.

Batelaan selbst bezeichnet später in unserem Interview die »komischen Menschen« als »Scharrelaars« also Sammler:innen oder auch Künstler:innen. Er erklärt, die Gestalten, die Jari als »irgendwie dumm« wahrgenommen habe, bauten sich eine Hütte und bräuchten einfach noch ein Dach. 

Die Frau, die auf dem Haufen halbiert wird, wird ein paar Szenen früher von ihrem Mann bedrängt, der mit ihr sexuelle Handlungen vollziehen will. Da heißt es: »Pia, sei doch nicht so. Na los, gib mir einen Kuss. Nein. Hans! Er stöhnt. Sie: Hör auf, Hör auf, Hans. Hör auf.« Aber der Mann reagiert nicht. Die Frau erwägt sogar, sich von der Bühne in das für sie Unbekannte zu stürzen. Wie kann man sexuelle Belästigung in einem Kinderstück unkommentiert lassen?

Als ich Batelaan danach frage, ist er zunächst ratlos. »Was meinst du? Belästigung? (...) Ach so, ja, weil sie ›nein‹ sagt, und er nicht hört. Ja, absolut, da hast du recht, das ist Belästigung.« In einer vorherigen Szene öffnet der Mann seine Hose – vor einem Publikum voller Kinder – und fragt: »Soll ich meine Schlange rausholen? Willst du meine Poritze sehen?« Diese Szene erntet johlendes Gelächter im Publikum. Aber ist das wirklich lustig? Ist das nicht unangenehm? Muss das nicht besprochen werden?

Der international renommierte Regisseur ist sich in der Podiumsdiskussion mit anderen Jugendtheatermacher:innen einig, dass es wichtig sei, auch unangenehme Themen mit den Kindern anzusprechen. Seine Figur des Donald Trump belästigt eine leicht bekleidete Schwarze Frau. Der Mann, mit dem wir die Worte »Grab them by the Pussy« verbinden. In einem Stück, das für Kinder ab acht Jahren empfohlen wird.

Kommentar zu einer bestimmten Art Mann

Überfordert es Kinder, wenn eine solche Szene umkommentiert dargestellt wird? Jonathan und die anderen können mir nicht genau sagen, was da auf der Bühne passiert ist, sie sind noch mit der Suche nach dem roten Faden beschäftigt. Ist Jetse Batelaan nicht bewusst, wie wichtig eine solche Einordnung für Kinder ist? Wie wichtig sie auch für die Kinder in seinem Publikum ist, die in ihrem Leben viele solcher Situationen klar einordnen müssen? Reicht es, nur ein komisches Gefühl heraufzubeschwören?

Batelaan erklärt: »Dieser männliche Charakter, der von einer Frau gesprochen wird, ist absolut nicht der Held des Stücks. Es ist ein Kommentar zu einer bestimmten Art Mann und der westlichen Gesellschaft. Ich weiß es nicht, du kannst das interpretieren, wie du magst.«

Und dann ist da natürlich noch die Geschichte. Da ist scheinbar ein Kopf auf der Bühne, der, wenn er aktiviert wird durch Schauspieler:innen oder Requisiten, die Stimme des Düsseldorfer Ensembleschauspielers Kilian Land ertönen lässt, der uns die Geschichte der Geschichte erzählt. Sie sei irgendwo in der Einöde geboren, die Anja Dirks »eine Wüste« nennt und die ein Kritiker in den Niederlanden verortet. Batelaan bringt das zum Schmunzeln. Da die Geschichte im Laufe des Stücks eine lange Strecke über einen Ozean zurücklege, um irgendwann in Düsseldorf zu landen, erklärt mir der Stückemacher, könne ausgeschlossen werden, dass die Heimat der Geschichte die Niederlande seien. Ihm sei es eher darum gegangen, eine Art Schöpfungsgeschichte zu erzählen. Und, dass es ohne Menschen keine Geschichten gebe. 

Schiebt Batelaan da nicht die Verantwortung für die diskussionswürdigen Bilder in seinem Stück von sich? Zum Thema der Diversität in seinen Produktionen verhält er sich ähnlich zurückhaltend: Klar, sagt er, Diversität sei gerade in Kinderstücken wichtig. Er habe auch einen BiPoC Schauspieler engagiert, aber der hätte seine Schauspielkarriere in der Zwischenzeit hinter sich gelassen. Da sei er in einer Art Zwickmühle gewesen, weil er eigentlich »colorblind« besetze und nicht extra nach Ersatz für die »Hautfarbe« dieses Schauspieler suchen wollte. Also entschied er sich für einen männlichen, weißen cis-Mann. War das die einzige Option?

Klare Positionierung ist Aufgabe der Theatermacher:innen

Die aktuelle Debatte empfindet der Theatermacher als sehr kompliziert. Manchmal habe er das Gefühl, dass »wir uns gegenseitig bekämpfen statt des gemeinsamen Gegners«. Für ihn sind die Gegner Menschen, die Frauen nicht ernst nehmen und Menschen, die andere verurteilen wegen ihres kulturellen Hintergrunds. Aber auch der Klimawandel sei ein Gegner. »Der Klimawandel ist für mich das Hauptverbrechen aktuell. Und Gottseidank kümmert der sich nicht um Hautfarbe, männlich, weiblich. Das ist ein ganz wichtiger Kampf momentan.« Er komme aus der Ideologie der 1980er Jahre, diesem »We are the world. Das widerspricht der Ansicht vieler junger Leute heute, und das verwirrt mich manchmal.«

Es ist die Aufgabe der Theatermacher:innen, sich klar zu positionieren – gerade derer, die für ein sehr junges Publikum arbeiten, das Hilfe beim Einordnen schwieriger Themen braucht. Auf und auch hinter der Bühne.