Ene-Liis Semper, Tiit Ojasoo —
Estland, Schweiz / Performance


Kunst

Ein Poem von Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo
Foto: Petri Tuhkanen
Bekannt wurde das estnische Künstlerpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo mit seinem Tallinner Theater NO99 und jener Inszenierung, deren Titel einer Performance von Joseph Beuys entlehnt war: Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt.

2020 hat die Pandemie das öffentliche Leben weltweit zum Erliegen gebracht, Kulturinstitutionen wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Der geistige Nährboden einer Gesellschaft war ausgeschaltet, die Kunst als nicht systemrelevant eingestuft. 2021 ist es höchste Zeit, sich erneut gemeinschaftlich mit dem Nutzen und der Nutzlosigkeit von Kunst auseinanderzusetzen und ihren Stellenwert neu zu bestimmen.

Mit Kunst wirft das estnische Regieduo essenzielle Fragen auf: Was leistet die Kunst? Ist ihr Wert allein nach den Regeln des (Kunst-)Marktes zu ermessen? In einem klassischen White Cube wird in dieser vielschichtigen Performance die Welt der Kunst aus ästhetischer, politischer und ökonomischer Sicht in Augenschein genommen, dabei werden Theorie, Praxis und Rezeptionsgeschichte zu einem neuen Narrativ verschmolzen. Kunst ist ein sehr persönliches Statement der beiden Theatermacher, das zur tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der Kraft der Kunst einlädt und zugleich die Frage nach der Haltung jeder und jedes Einzelnen stellt.

Kunst ist extrem zerbrechlich

Ein Gespräch mit dem Künstlerpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo
Sandra Küpper — Ihr arbeitet international in unterschiedlichen Kontexten. Einerseits habt ihr euer eigenes Theater in eurer Heimatstadt Tallinn gegründet und viele Jahre geleitet, d.h. ihr habt euer eigenes Produktionssystem kreiert, und andererseits inszeniert ihr regelmäßig an internationalen Stadttheatern, also in fremden Systemen – größer könnte ein Arbeitsspektrum kaum sein. Wie würdet ihr eure gemeinsame künstlerische Praxis beschreiben? 

TO — Es begann mit unserem großen Wunsch, die verschiedenen Erfahrungen aus der Kunst und aus dem Theater zu verbinden, Ene-Liis ist bildende Künstlerin, ich bin Theaterregisseur. 15 Jahre lang war das Teater NO99, das wir gemeinsam in Tallinn gegründet haben, ein Versuchsfeld, um viele verschiedene mögliche Mittel und Techniken auf der Bühne auszuprobieren. Meistens sind dabei dann originäre Inszenierungen ohne literarische Vorlagen entstanden, in Zusammenarbeit mit den Schauspielern, Musikern, Choreographen usw. 

ELS — Tiit und ich arbeiten nun schon seit 20 Jahren zusammen. Ganz offensichtlich haben wir uns in dieser Zeit gegenseitig sehr beeinflusst. Als Künstlerin ist mein Ansatz natürlich viel abstrakter. Ich interessiere mich für ein inneres künstlerisches Bild und dessen Gestaltung mit szenischen und physischen Mitteln. Wir haben all die Jahre nach diesen Mitteln gesucht und gleichzeitig versucht, eine physisch eloquente «Sprache» für die Bühne zu erfinden, in der auch die Vielfalt der Bilder eine tragende Rolle spielt, die die Zuschauer mit ihren eigenen Augen wahrnehmen. 

SK — Eure Arbeiten wurden häufig als sehr physische Theaterabende beschrieben, ohne dass sie Tanzabende wären. Welche Rolle genau spielen Körper, Bild und Text in euren Arbeiten? 

ELS — Ich habe das Gefühl, dass das Theater oft die angeborene Fähigkeit des Menschen zu sehen ignoriert. Wenn wir die Straße entlanggehen, sind wir in der Lage, Hunderte und Tausende von »Zeichen« des Aussehens, der Stimmung, der Wünsche usw. der Menschen, denen wir begegnen, mit einem Blick zu lesen, ohne mit ihnen Worte auszutauschen. Im Theater wird jedoch oft geglaubt, dass Kommunikation beginnt, wenn jemand etwas sagt. Dem stimme ich nicht zu, und deshalb interessiert mich gerade diese vorsprachliche Kommunikation. Genauso kann man auch über Licht, Rhythmus oder die Dynamik der Bewegung kommunizieren… Der Schauspieler trägt den Inhalt der Szene auf der Bühne nicht nur durch den Text, sondern mit dem ganzen Körper. Das Gleiche geschieht in Kunstwerken: Der Betrachter liest das Werk durch die Komposition, die Posen der dargestellten Personen, die Farben, die verwendeten Materialien … und all das zusammen öffnet unsere Vorstellungskraft und schafft eine Brücke zwischen der Vision des Künstlers und dem Betrachter. Kunst wirkt durch Einfühlung, der Betrachter muss sich einen Moment Zeit nehmen, um es wirklich zu betrachten. 

SK — Was bedeutet das für die Darstellerinnen und Darsteller? 

TO — Sich auf ein solches Material einzulassen, ist immer ein großes Risiko. Wenn es auf der Bühne so gut wie keinen Text gibt, ist die Kommunikation im Prozess wirklich subtil. Deshalb sind wir jetzt sehr froh, dass wir diesen Abend zusammen mit vier Schauspielern und einer Schauspielerin kreieren konnten, mit denen wir schon vorher gearbeitet haben. Das »Artistic Image«, wenn wir es so nennen dürfen, steht immer im Dienst der menschlichen Kommunikation, im Dienst der menschlichen Gemeinsamkeiten, der Ähnlichkeiten des Menschseins, im Dienst der gemeinsamen Erfahrung. Um ein solches Bild lesen zu können, muss man die grundlegende Tatsache des Menschseins anerkennen: Man ist allein. Aber wenn man die Erfahrung des eigenen Seins ehrlich betrachtet, ergibt sich ein größeres Bild. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Erfahrung des Betrachters und der Erfahrung des Künstlers. Wenn man davon ausgeht, dass Kunst so etwas wie eine unterirdische Verbindung zwischen Menschen ist, dann ist man in seinem Alleinsein nicht mehr allein. 
SK — Warum nun ein Theaterabend mit dem Titel «Kunst»? Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

TO — Wir haben vor zwei Jahren mit Dostojewskis Roman »Schuld und Sühne« gearbeitet und über die Situation in der Welt um uns herum nachgedacht… darüber, wie viele Menschen von etwas träumen, das sie vielleicht nie erreichen. Die Informationsflut und der Druck um uns herum, erfolgreich zu sein, können in diesem Zusammenhang geradezu verheerend sein. Auch unsere neue Inszenierung mit dem Titel «Kunst» ist in ihrer Entstehung unmittelbar von der Gegenwart beeinflusst, und hinterfragt die Bedeutung der Kunst in der heutigen Welt. 

ELS — Wir wollten uns mit dem »Artistic Image«, dem künstlerischen Bild, in seiner Essenz beschäftigen. Mit dem, was anhin der Überträger einer tieferen Kommunikation zwischen den Menschen war, nun aber in unserem aktuellen, veränderten Kontext immer mehr verschwindet. Es ist zu beobachten, dass die Theorie in der Kunst immer mächtiger geworden ist, was dazu führt, dass Kunstwerke Illustrationen dieser Theorie werden. 

SK — Dieses Thema ist ja nicht gerade ein kleines Unterfangen… 

ELS — Das stimmt, man kann sich ihm von mehreren Seiten nähern… Uns schien es wichtig, die Wirkung von Kunst auf den Menschen zu untersuchen: Was kann man darüber sagen? Ist ein kathartisches Erlebnis in einer Kunstausstellung immer noch möglich? Ich habe das Gefühl, dass wir uns in einer seltsamen Zeit in der Kunst befinden. Da ich auch als Professorin an der Estnischen Kunstakademie arbeite, kann ich derzeit um mich herum viele Theorien beobachten, aber überraschend wenig interessante Praktiken. Es ist, als ob die praktische Umsetzung eines Kunstwerks oder seine Qualität selbst nicht mehr wichtig wären. Und mir kommt es so vor, dass auch die Welt um uns herum immer beschreibender wird. Als wäre die Theorie das Werk, seine Beschreibung so gut wie das Werk selbst. 

SK — Gibt es für euch als Künstler so etwas wie einen idealen Arbeitskontext? 

ELS — In gewisser Weise war das Theater NO99 so ein Ort. Wir haben es aufgebaut, basierend auf dem Prinzip, dass jeder und jede, die im Theater arbeitet, etwas Besonderes ist. Wir wollten, dass alle im Haus verstehen, dass die Zeit, die wir miteinander verbringen, sowieso nicht ewig ist, also lohnt es sich, das Maximum in jeden Moment zu investieren, ohne sich zu schonen oder auf die Uhr zu schauen. Auf der Grundlage dieses Prinzips wurden viele künstlerische Erfolge möglich. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um solche Erwartungen zu stellen, aber es bedeutet auch, dass die Arbeit mit einer viel höheren Temperatur stattfindet. 

TO — Theater als Kunstform ist extrem zerbrechlich, weil es auf Zusammenarbeit und Vertrauen zwischen Menschen beruht. Und an dieser Vertrauensvereinbarung sind alle gleichermaßen beteiligt: die Schauspieler*innen auf der Bühne, die Techniker*innen hinter der Bühne und das Publikum im Saal. Für uns ist Theater ein Ritual, keine Unterhaltung. 

Das Gespräch führte Sandra Küpper (Stellvertretende Intendantin und Künstlerische Leiterin Schauspiel am Luzerner Theater 2018-2021) 

Ene-Liis Semper, Tiit Ojasoo:
Kunst
29.06.21, 20:00 - 22:00
Schauspielhaus, Kleines Haus
Deutschlandpremiere

Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung.

Preise: 31,00 €
Karten iCal
29.06.21, 20:00 - 22:00
Online
Deutschlandpremiere , Livestream

Aus urheberrechtlichen Gründen ist dieses Video nur in Europa verfügbar.
Preise: 5,00 €
Karten iCal
30.06.21,
Online
Video-on-Demand

Das Video-on-Demand ist am 30.06.21 von 16 bis 23:59 Uhr verfügbar. Aus urheberrechtlichen Gründen ist dieses Video nur in Europa verfügbar.
Preise: 5,00 €
Karten iCal
30.06.21, 20:00 - 22:00
Schauspielhaus, Kleines Haus

Preise: 31,00 €
Karten iCal

Theaterzeitung zum Nachlesen

Issuu aktivieren
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Zur Anzeige unserer Publikationen werden Ihre IP-Nummer, Geräteinformationen, Referrer und Zeitstempel an Issuu ApS (nachfolgend "Issuu") übermittelt. Diese Daten können Issuu auch zu anderen Zwecken wie Analyse des Nutzungsverhaltens zu Marktforschungs- und Marketing-Zwecken dienen. Ein Zugriff auf diese Daten aus oder eine Speicherung in Staaten mit einem im Vergleich zur EU abweichenden Datenschutzniveau ist nicht ausgeschlossen.
Jetzt aktivieren