Festivalredaktion

MAleRische SprAchpOesiE

Mexikanisches Schauspiel »Andares« hinterlässt Gefühl von Resignation und Melancholie

Copyright: Manu Pilux

von Maya Saupe Morocho

»Andares« thematisiert mit einer schlichten und doch tief bewegenden Inszenierung die beeindruckenden Geschichten junger Menschen, die die Kultur ihrer jeweiligen Heimatdörfer zu erhalten versuchen, während diese durch die politische und soziale Situation in Mexiko zerstört wird. Begleitet von wunderschönen akustischen Melodien und Gesang, werden uns Sagen, Mythen, Werte und Traditionen der indigenen Bevölkerung Mexikos näher gebracht.

Das Stück des internationalen Theaterregisseurs, Dramatikers und Bühnenbildners Héctor Flores Komatsu und dem Makuyeika Colectivo Teatral widmet sich Themen von hohem sozialen und kulturellen Wert rund um die indigenen Völker Mexikos. Da geht es zum Beispiel um das Verschwinden von indigenen Sprachen und die Ausgrenzung indigener Völker aus der Gesellschaft.

»Makuyeika«, wie wir später im Publikumsgespräch erfahren, hat zwei Bedeutungen in der Sprache der Wixarika. Es kann »Wanderer« bedeuten, aber auch »tollpatschiger Esel«. Der Theatergruppe und dem Regisseur gefiel genau diese Zweideutigkeit des Wortes.

Bloß vier Schauspieler:innen auf der Bühne reichen aus, um das Andenken von vier indigenen Völkern Mexikos durch Erinnerung, Erlebnisse und Erfahrungen nachzustellen. Die Schauspieler:innen wechseln sich in den Erzählungen ihrer Geschichten ab, übernehmen abwechselnd die Hauptrolle ihrer eigenen Geschichten und Nebenrollen in denen der anderen. Das tun sie so überzeugend und authentisch, dass der Zuschauer der Meinung ist, die Schauspieler:innen würden ihre eigenen Geschichten und Leiden teilen.
Song für mexikanische Frauen
Eine Musikerin am Rande der kleinen Bühne begleitet das Stück als Solo-Orchester mit ihrer Gitarre, einer Rassel, dem Cajón und ihrer unfassbar klaren Stimme. Tania Chan ist erst seit zwei Monaten bei der Produktion dabei und doch erweckt sie den Eindruck, als wäre sie schon von Anfang an dabei gewesen. Chan erschüttert und entzückt zugleich mit ihrer hervorragenden Performance und ihrem Song für die Frauen Mexikos, bestehend aus zwei schon existierenden Liedern: einem Lied über die verschwundenen Studenten Mexikos und einem Wiegenlied.

Mit der ständigen Begleitung der klaren Melodien lernen wir die Figuren kennen: Maychi, einen jungen Maya, der die glorreiche Vergangenheit seiner Abstammung infrage stellt. Xhunco, der seine Identität als Frau im Körper eines Mannes und die zapotekischen Traditionen der Muse entdeckt. Und Lupe, ein Hirschjäger der Wixarika auf der Suche nach seinen Vorfahren und sich selbst.

Die Muxe sind Personen des dritten Geschlechts, als Jungen geboren, als Frau identifiziert. Bei den Zapoteken im Bundesstaat Oaxaca ist die Person der Muxe Tradition und gesellschaftlich anerkannt. Homosexualität wird dennoch abgelehnt und die sexuellen Beziehungen aufgrund des vorherrschenden katholischen Glaubens ungern gesehen. Muxes werden oft als Objekte behandelt und ihrer Rechte zu heiraten oder sich zu verlieben beraubt. Auf der Bühne tanzt die Muse in flatternden traditionellen Gewändern.

Es werden soziale Konflikte von »Machismo« über Homophobie und Feminizid bis zur Landentreißung indigenen Besitzes behandelt. Ehrfurchtig lauscht man der idyllischen Beschreibung der Tortilla-förmigen Lehmhütten. Platz für genau fünf Hängematten. Keine Fenster, jedoch zwei Türen. Die eine in Richtung Sonnenaufgang. Die andere in Richtung Sonnenuntergang. Und diese Türen, grade mal so hoch, dass man beim Eintreten seinen Kopf senken muss, um seinen Respekt zu zeigen. Bis diese ländlich idyllische Vorstellung zerstört wird, da diese Hütten nun den Betonblöcken Platz machen müssen.
Tiefe Verbundenheit mit der Natur
In mir regt sich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur dank der malerischen Beschreibung des Kapokbaumes, wie er seine Äste der Sonne entgegen streckt, des blauen Hirsches, der mit seiner göttlichen Präsenz anmutig durch die Wälder streift, und des Kolibris, dem Überbringer froher Kunde. Mit hastigen und zackigen Bewegungen lässt Maychi seine zu Flügeln geformte Hand über die Bühne flattern. Eine perfekte Nachahmung eines fliegenden Kolibris.

Die Melodik der spanischen Sprache und die malerische Wortwahl machen »Andares« zu einem sehr poetischen Stück, das sich mit Gewalt und Auseinandersetzungen von der Kolonisation bis zum heutigen Tag befasst und gleichzeitig mit einer ungeheuren Filigranität und Transparenz die alten Mythen und Traditionen der indigenen Völker behandelt.

Die Abwechslung der verschiedenen Geschichten können anfangs zu Verwirrung führen und die etwas zu weit oben angebrachten Untertitel können es für nicht Native-Speaker etwas schwer machen, mitzukommen. Und doch schaffen die Schauspieler:innen, das Publikum mit in das Stück einzubeziehen mit direkten Fragen und Zuwendung zum Publikum, teils auf Englisch, teils auf Deutsch. „Mit wie vielen Leute hast du letztes Jahr geschlafen?“, fragen sie. Es folgt eine kurze, unangenehme Stille, die sich schnell in Kichern verwandelt.

Unter tosendem Applaus und den rhythmischen, mitreißenden Klängen der Gitarre verlässt die Gruppe die Bühne. Sie hinterlässt ein Gefühl von Resignation, Melancholie, aber auch der Nächstenliebe.