Festivalredaktion

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Im Gespräch mit Christopher Weymann von »Playing Up«

Foto: Nicole Maas

von Caroline Müller, Nicole Maas und Simone Saftig

Christopher Weymann ist Performer, Mitarbeiter am FUNDUS THEATER Hamburg und Projektbeteiligter bei »Playing Up«, das Sibylle Peters konzipiert hat, in Kooperation mit der Tate Modern London. Weymann kürt gerade noch die Kinder des Teams »Herzensbrecher« als Sieger:innen der Ketchup- und Sojasaucenschlacht, bevor er sich mit unseren Autor:innen der Jugendjury Caroline Müller, Nicole Maas und Simone Saftig zum Interview trifft. Sie sprechen über die Bedeutung von Performancekunst für Kinder und darüber, was das mit unserer Gesellschaft zu tun hat.   


Jugendjury: Hallo Christopher Weymann! Welche Rolle spielen Kinder in unserer Gesellschaft?

Weymann: Ich glaube, Kinder haben die schlechteste Lobby, die es gibt. Kinder sind die unterdrücktesten Menschen der Welt. Die Fridays for Future-Bewegung zeigt, wie Kinder und Jugendliche sich die Macht und das Mitspracherecht, das sie haben sollten, nehmen. Kinder brauchen das Mitspracherecht! Die Corona-Pandemie zeigt auch, wie viele junge Menschen unter den Einschränkungen psychisch gelitten haben und wie wenig dagegen getan wurde. Wir müssen Kinder genauso wahrnehmen wie ältere Menschen und mit ihnen mehr in den Dialog gehen. Aus diesem Grund haben wir uns mit dem Kinderwahlrecht in einem Projekt beschäftigt, wo oft die Sorge formuliert wurde, dass Kinder sich stark beeinflussen lassen und sie bei einem Kinderwahlrecht ihre Freund:innen wählen würden. Dabei wissen viele Erwachsene selbst nicht immer viel über Politik oder sind nicht darüber informiert, was die Parteien genau machen. Deswegen muss für die Rechte von Kindern mehr gekämpft werden.

Jugendjury: Ihr habt Kinder und Erwachsene zum Performance-Kunst-Parcours auf den Gustaf-Gründgens-Platz eingeladen. Wie ist »Playing Up« entstanden und welche Idee steht dahinter? 

Weymann: »Playing Up« wurde am FUNDUS THEATER in Hamburg konzipiert. Das ist ein Kinder- und Jugendtheater, an dem wir aber auch künstlerisch forschen. Dabei setzen wir uns mit gesellschaftlichen Fragen auseinander, indem wir kleine utopische Set-Ups aufbauen, bei denen mit theatralen Mitteln und Performancekunst gearbeitet wird. Das funktioniert sehr gut mit Kindern, deswegen arbeiten wir am liebsten mit ihnen. Die Kinder wissen bei dem, was sie tun, niemals, dass es sich um Performancekunst handelt. Wir sind ein Theater, das den Kindern nicht etwas beibringen will.

Das hat sich verändert, als das Tate Early Years and Familiy Programme der Tate Modern in London, die Live Art Live und die Art Development Agency UK bei unserer Künstlerischen Leiterin des FUNDUS THEATERS Sibylle Peters, angefragt haben, wie Performancekunst an Kinder vermittelt werden könne. Daraufhin hat Sibylle Peters »Playing Up« konzipiert, unser erstes und einziges Projekt, bei dem die Vermittlungsarbeit im Vordergrund steht. Unter dem Motto »Macht mal selbst« lernen die Kinder.

Entstanden sind 36 Performances von verschiedensten Künstler:innen aus allen möglichen Kulturen und Ländern. Es sind Kunstformen, bei denen das Machtverhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen umgedreht oder aufgeweicht wird. Die Gruppen aus Kindern und Erwachsenen müssen sich mindestens auf Augenhöhe begegnen. Das finden wir als Forschungstheater sehr interessant.
Foto: Nicole Maas
Jugendjury: Was genau bedeutet Forschungstheater?

Weymann: Als Forschungstheater beschäftigen wir uns mit dem Dreieck von Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft. Innerhalb dieses Dreiecks werden Projekte entwickelt. Für uns als Theater ist dabei die Kunst am wichtigsten. Die gesellschaftlichen Fragen sind die Fragen der Kinder, zum Beispiel ihre Fragen zum Thema Geld. Auf der wissenschaftlichen Ebene kooperieren wir mit Universitäten und Wissenschaftler:innen. Ein im Forschungstheater entstandenes Projekt ist die »Kinderbank«, denn wenn wir die Kinder fragen, was sie sich wünschen, antworten ganz viele, reich sein zu wollen. Ein Kind haben wir genauer gefragt, was reich sein für es bedeutet. Seine Antwort: »Am Ende des Monats die Rechnung zu bezahlen«. Das ist somit ein Wunsch, der aus der Armut hervorgeht.

Daraufhin haben wir uns mit alternativen Währungsmethoden beschäftigt und eine Idee aus Brasilien übernommen, wo eine eigene Währung herrscht. Von dieser Idee inspiriert entstanden die sogenannten »Abenteuerscheine« mit denen nur Kinder bei unseren Kooperationspartnern wie Supermärkten oder Fahrradläden einkaufen konnten. Begleitet wurde das Projekt von Wissenschaftler:innen, die über Armut forschen. Monatlich haben wir uns mit den Kindern, den Kooperationspartnern und den Forscher:innen versammelt und gemeinsam reflektiert, was gut und schlecht läuft, und ob mehr Geld gedruckt werden müsste. 

Jugendjury: Und wenn während des »Playing Up«-Parcours Erwachsene merken, dass das Machtverhältnis ins Wanken gerät, was passiert dann?

Weymann: Die Überwindung, die Macht abzugeben, ist erst einmal das Schlimmste. Denn oft geht dem eine Projektion voraus: Wenn ein Erwachsener Macht hat, dann nutzt er diese aus. Aber wenn die Kinder mehr Macht bekommen, bleibt man mit ihnen trotzdem im Dialog und alles ist in Ordnung. Während »Playing Up« gehen sie mit ihrer Macht verantwortungsvoll um, indem sie sich beispielweise bei der Aufgabe, einen Erwachsenen zu steuern, dafür entscheiden, ihn zum Eis kaufen zu schicken. Sie lassen ihn nicht auf die Straße rennen. Was wir immer wieder bei »Playing Up« lernen: »Es ist doch alles nicht so schlimm!«.

Sibylle Peters, Fundus Theater – Theatre of Research, Hamburg : Playing Up
Deutschland
Performance
Für Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene
18.–19.06.2021