Festivaleröffnung
Lara Foot und Handspring Puppet Company
— Südafrika, Deutschland / Schauspiel


Leben und Zeit des Michael K.

nach dem gleichnamigen Roman von J. M. Coetzee
Foto: Baxter Theatre
In zweijähriger Zusammenarbeit entstanden Konzept und Bühnenfassung der gemeinsamen Uraufführung des Baxter Theatre Centre in Kapstadt und des Düsseldorfer Schauspielhauses zum Roman Leben und Zeit des Michael K. des Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee. Zur Eröffnung des Festivals Theater der Welt sollte ein gemeinsames Ensemble beider Theater unter Regie von Lara Foot in Zusammenarbeit mit der gefeierten südafrikanischen Handspring Puppet Company auf der Bühne stehen. Die weltweite Pandemie hat gemeinsame Proben in Südafrika unmöglich gemacht. Wir freuen uns, Ihnen die Uraufführung via Livestream aus Kapstadt im Theatersaal live zeigen zu können.

Eine universelle Geschichte

von Brent Meersman
J.M. Coetzees ikonischer Roman der 1980er Jahre, Leben und Zeit des Michael K., brachte dem späteren Literaturnobelpreisträger (2003) internationale Aufmerksamkeit, als er den Booker Prize (1983) gewann. Die Geschichte über die unentrinnbare existenzielle Notlage der Kolonisierten und das Gefühl des bevorstehenden Untergangs hat uns damals alle, die wir im angstgeplagten, von der Apartheid unterdrückten Südafrika gefangen waren, tief berührt. Und doch sind die Hauptthemen, die Coetzee seinerzeit meisterhaft definierte, nicht im Geringsten veraltet oder verschwunden; sie verfolgen unsere Nation weiterhin. 

Südafrika hat sich nie richtig mit der Landenteignung und der psychologischen Entfremdung der Kolonisierten auseinandergesetzt. Das Land bewegt sich immer noch gefährlich nahe dahin, in die Art von dystopischem Alptraum zu zerfallen, den Coetzee vor fast vier Jahrzehnten skizzierte. Er stellte sich vor, wie wir zu einem Land werden, das von einem ausgedehnten Bürgerkrieg heimgesucht wird. Doch diese vom Krieg zerrissene Landschaft, die er schuf, passt genauso gut zu den täglichen, verstreuten und zersplitterten Protesten, der allgegenwärtigen, schwelenden, nihilistischen Gewalt des heutigen Südafrikas, mit unseren "Armeen der Obdachlosen und Mittellosen", die in der Schlange auf Sozialhilfe warten oder auf den Straßen einfache Grundversorgung einfordern. 

Aber Michael K.s Geschichte ist auch eine universelle Geschichte, die für die Bewohner der Europäischen Union ebenso relevant ist wie für die Geflüchteten, die aus Syrien strömen und in Lagern stranden. Die Vogelscheuchen-Figur des passiven Widerstands begibt sich, buchstäblich und allegorisch, auf einen Weg, den nur wenige von uns zu gehen wagen, um seine wahre Natur zu entdecken und authentisch zu leben, im tiefsten und wahrsten Sinne des Wortes. Man spürt einen Anklang von Samuel Beckett, wenn diese beiden einsamen Figuren – der treue Sohn Michael K. und seine kranke Mutter, die er in einer Schubkarre schiebt – sich auf den Weg machen, um vor der Anarchie der Stadt zu fliehen, um den Geburtsort der Mutter zu erreichen und einen unmöglichen Übergang in eine vergangene, in der Zeit verlorene Welt zu schaffen. 

Michael K. wird die zombiehafte Kapitulation seiner unterdrückten Landsleute nicht akzeptieren und er wird auch nicht zu den Waffen greifen. Er ist ein Gärtner, der nur von dem essen und leben kann, was er anbaut – »denn es muss Männer geben, die zurückbleiben und das Gärtnern am Leben erhalten, denn wenn das Band einmal zerrissen ist, wird die Erde hart und vergisst ihre Kinder«. Michael wird lieber verhungern, als seine Seele aufzugeben und seine Freiheit zu verraten. 

Wie sein Name andeutet, ist Michael K. zu einem kafkaesken Dilemma verurteilt – Opfer einer geistlosen, apathischen Bürokratie – sinnlos in Bezug auf Gerechtigkeit, ihn aber dennoch für ewig schuldig haltend. Die systemische Gewalt gegen die Armen hält bis heute an. Wie der vertriebene Landarbeiter feststellt: »Sie ziehen es vor, dass wir leben, weil wir so furchtbar aussehen, wenn wir krank sind und sterben. Wenn wir einfach dünn würden und uns in Papier und dann in Asche verwandeln und davonschweben würden, sie würden sich einen Dreck um uns scheren... Sie wollen nachts mit einem guten Gefühl ins Bett gehen.«

Michael K. ist gefangen in einem Krieg, an dem er keinen Anteil haben will – weder den des Regimes noch den der Partisanen. Er ist kein Revolutionär, kein Guerillakämpfer, sondern der zum Wüstenpropheten gewordene Indigene, ein Robinson Crusoe, der zum Überleben in der Erde kratzt, dessen bloße Existenz als eine Art Aufstand betrachtet und beurteilt wird. Und doch hält dieser einfache passive Widerstand in gewisser Weise tatsächlich die Rebellion der Seelen der Unterdrückten aufrecht.
Und wie könnte man die liminale und weltentrückte Figur des Michael K. und seine hypnopompe Existenz besser darstellen, oder wie könnte man Coetzees tiefgründige und zutiefst allegorische Vision, seine viszerale und doch absichtlich ausgezehrte und reinigende Prosa, die nach der Farbe der theatralischen Darstellung schreit, besser verwirklichen als durch den Einsatz von Puppenspiel. 

Aber dies sind keine gewöhnlichen Puppen, sie sind die Kreationen des visionären, Tony Awards-prämierten Basil Jones und Adrian Kohlers weltbekannter Handspring Puppet Company (Schöpfer des international gefeierten Werkes War Horse). Ihre Puppen sind Kunstwerke, die von einigen der prominentesten Museen der Welt als solche geschätzt werden. 

Wenn man die Puppen betrachtet sieht man, dass sogar ihre Schatten mehr Leben in sich tragen als das rudimentäre Bewusstsein jeder bisher existierenden künstlichen Roboterintelligenz. Sie sind geniale Wesen, die durch das Leben animiert werden, das ihnen von einigen der berühmtesten Performer Südafrikas eingehaucht wird, darunter Sandra Prinsloo, Andrew Buckland und Faniswa Yisa, sowie der Großmeister des Puppenspiels, Craig Leo. 

Jones und Kohler sind versiert darin, die gigantischen Themen der Geschichte von Michael K. anzugehen, nachdem sie zuvor in die gequälte Welt des Wanderarbeiters Woyzeck on the Highveld eingetaucht sind und sich aufmachten, die zerrüttete Landschaft ihres Landes in Ubu and the Truth Commission und die sinnlose Gewalt des Unterdrückers in Faustus in Africa offenzulegen. 

Das Skript hält sich gewissenhaft an die Buchvorlage, doch wenn bei der von der Kritik gefeierten Rezeption des Romans bei seiner weltweiten Veröffentlichung im Jahr 1983 eine Schwäche ausgemacht wurde, dann war es das kurze zweite Kapitel, in dem der Blickwinkel zu dem des Arztes des Gefangenenlager wechselt, der sich um Michael K., seinen Patienten in extremis, kümmert. Die Redundanz des Versuchs des weißen Arztes, den Sinn und die moralischen Lehren von Michael K.s Existenz für uns zu destillieren und zu artikulieren, wurde von der gefeierten Regisseurin Lara Foot in ihrer kunstvollen Adaption für die Bühne (in Zusammenarbeit mit Coetzee) elegant umgangen, indem sie die Perspektive bei Michael K. in Form eines Selbstberichts hielt. 

Die erfahrene Regisseurin Foot ist ebenfalls gut vorbereitet, da sie die Karoo-Landschaft bereits in ihrem außergewöhnlichen und originellen Werk Karoo Moose und in einer gefeierten Produktion von Woyzeck durchquert hatte. 

Foot fügt dem Fundament eines starken Textes Ebenen theatralischer Darbietungen, die Puppen, den Einsatz von Film und auch die originelle Musikpartitur des jungen Maestros Kyle Shepherd hinzu, dem es paradoxerweise gelingt, mit Musik die meditative Stille der Großen Karoo zu evozieren. 

Coetzees täuschend schlankes Werk verdient eine so epische Inszenierung und internationale Zusammenarbeit und füllt sie mühelos aus.
Brent Meersman ist Schriftsteller und lebt in Kapstadt, Südafrika.

Lara Foot und Handspring Puppet Company:
Leben und Zeit des Michael K.
17.06.21, 18:00 - 21:15
Schauspielhaus, Großes Haus
Uraufführung , Live-Übertragung aus Kapstadt

Festivaleröffnung mit anschließender Live-Übertragung der Uraufführung aus Kapstadt.

17.06.21, 19:00 - 21:15
Online
Livestream , Uraufführung , Live-Übertragung aus Kapstadt
18.06.21, 16:00 - 23:59
Online
Video-on-Demand
18.06.21, 19:00 - 20:45
Schauspielhaus, Großes Haus

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