Jordan Tannahill und Erin Brubacher
— Kanada, Deutschland / Schauspiel


Ist mein Mikro an?

aus dem Englischen von Frank Weigand und Kirstin Hess
Foto: Thomas Rabsch

»Wo sind die verdammten Theaterstücke?«

von Kirstin Hess
Der junge kanadische Autor und Theatermacher Jordan Tannahill hat sich entschieden: Seine künstlerischen Arbeiten fordern sein Engagement auch außerhalb von Theaterbühnen.

Wir haben mit Jordan Tannahill verabredet, ein Stück für das Festival Theater der Welt Düsseldorf zu entwickeln. Es ist Winter 2019, eine junge Schwedin, Greta Thunberg, hat gerade ihre Rede beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos gehalten. Es wird das Jahr von Fridays for Future werden, doch das ist in diesem kalten Januar noch nicht deutlich. Offensichtlich aber ist, dass der Klimawandel eines der wichtigsten Themen der Zeit ist. Viele Gespräche folgen, auch über Unsicherheiten, wie einem solchen großen, umfassenden, lebenswichtigen Thema auf der Bühne gerecht werden?

Nach Ostern sind wir wieder verabredet. Als Jordan erst deutlich verspätet anruft, entschuldigt er sich. Er sei gerade erst von der Londoner Polizei entlassen worden, denn er war mit auf »der Brücke«. Die Aktivist*innen von Extinction Rebellion hatten die Waterloo Bridge mit einem Info-Happening besetzt. Tausende sind gekommen, um hoch über der Themse zu diskutieren, zu feiern und ihr Engagement für das Klima zu zeigen. Als Extinction Rebellion die Brücke nicht freigibt, nimmt die Polizei etliche Aktivist*innen fest.

Nach diesem Erlebnis spricht Jordan über die Notwendigkeit, aktiv zu werden. Gemeinsam fragen wir uns, wie es kommt, dass oft eine Grenze liegt zwischen Künstler*in und Aktivist*in sein. Ist beides zusammen möglich? Und kann daraus ein Stück entstehen? Wir treffen uns Wochen später in Berlin und sprechen über die Frage, wie realpolitische Themen in der Kunst dargestellt werden können. Kann Theater einen sinnvollen Beitrag leisten?

In der bildenden Kunst bringt Olafur Eliasson arktisches Eis nach Europa, um auf das Schmelzen der Pole aufmerksam zu machen. Choreograf Jérôme Bel fliegt nicht mehr und arbeitet dennoch international – ausschließlich mit Künstler*innen, die auch kein Flugzeug nutzen. Regisseurin Rugilė Barzdžiukaitė, Drehbuchautorin Vaiva Grainyté und die Komponistin Lina Lapelytė begeistern bei der jüngsten Biennale in Venedig mit ihrer Opern-Performance »Sun& Sea«, in der sie viele Performer*innen auf einen künstlich aufgeschütteten Indoor-Sandstrand Urlaub machen lassen und damit die Tourismusindustrie kritisieren.
In Kanada beschäftigt Künstler*innen zunehmend die Frage nach der Rolle der Kunst für ökopolitische Themen. Wie sich verhalten? Informierend, apokalyptisch oder eher optimistisch? Nach einer Aufführung eines Stückes über die Krise um die Meere von Alanna Mitchell im Theatre Centre Toronto im Sommer 2019, umarmte ein Mann die Autorin mit den Worten: »Ich bin Klimawissenschaftler, aber ich habe nie gelernt, über dieses Zeug zu sprechen.«

Der berühmte US-amerikanische Umweltaktivist Bill McKibben warnt: »Wir versuchen nicht mehr die globale Erwärmung aufzuhalten. Dafür ist es zu spät. Wir versuchen zu verhindern, dass sich eine vollständige, heillose Katastrophe entwickelt.« Vielleicht geht es ihm manchmal, wie dem Wissenschaftler im Theatre Centre, als er mit den Worten »Wo sind sie, die Bücher? Die Gedichte? Die Theaterstücke? Die verdammten Opern?«, beschrieb, dass die Kunst eine dringende Aufgabe in der Debatte um den Klimawandel habe.

Am Ende unseres Abends in Berlin ist nicht klar, ob es zu einem Stück kommen kann. Wie über ein oft als gewöhnlich, hässlich und langweilig empfundenes Thema wie das Klima sprechen? Und wie überhaupt die Zeit dazu aufbringen, wo konkreter Einsatz Not tut? Vielleicht so, wie wir es tun, wenn wir uns treffen? Vielleicht geht es um die, die dieses Stück sehen werden? Zwei Tage später erhalte ich eine E-Mail, darin der ganze Text. Es ist sicher kein dramatischer Text und doch könnte er dramatischer kaum sein. Entstanden ist eine musikalische Textfläche, ein Ringen darum, wie wir Menschen unser fatales Tun ändern können. Entstanden ist ein Protestsong für junge Stimmen: 18 junge Düsseldorfer*innen werden diesen Text performen – für ein erwachsenes Publikum.

Kirstin Hess ist Dramaturgin am Jungen Schauspiel Düsseldorf.

Jordan Tannahill und Erin Brubacher:
Ist mein Mikro an?
22.06.21, 20:00 - 21:00
Gustaf-Gründgens-Platz
Preise: 12,00 €
Restkarten iCal
23.06.21, 20:00 - 21:00
Gustaf-Gründgens-Platz

Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung.
Preise: 12,00 €
Karten iCal

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