Festivalredaktion

Momente voller Zuneigung

Mapuche-Frauen faszinieren in Tanzperformance »Malen«
Zeichnung: Maya Saupe Morocho

von Maya Saupe Morocho

17 Mapuche-Frauen im Alter von zwölf bis 70 Jahren tanzen auf dem Gustaf-Gründgens-Platz. Sie erzählen von der Überlieferung von Werten, Wissen und Traditionen des Volkes an jüngere Generationen und bringen dem Publikum die Unterdrückung nahe, der das Volk der Mapuche seit Jahrhunderten ausgesetzt ist. Unter der Regie von Ricardo Curaqueo Curiche begeistert »Malen« durch eindrucksvolle emotionale Tänze.

Als Zuschauer:in ist man durch die schlichte Kleidung der Tänzerinnen sehr auf die Bewegungsabläufe der Gruppe fokussiert und nicht auf jedes einzelne Individuum. Sie tragen lange dunkelblaue Röcke und schlichte schwarze Oberteile. Alle bis auf ein jüngeres Mädchen, das ein dunkelblaues Kleid und einen gemusterten Stoffgurt um ihre Taille gebunden hat, und zwei ältere Frauen, die in farbenfroher und traditioneller Tracht eingekleidet sind. Begleitet von live A-cappella-Gesang, schwingen sich die Tänzerinnen langsam und synchron von einem Bein auf das andere. Dabei werden sie begleitet von dem ständigen leisen Klimpern ihrer langen goldenen Ohrringe.

Eine der Frauen trennt sich von der Gruppe und bewegt sich in zuckenden und ruckartigen Bewegungen um ihre eigene Achse. Eine weitere Frau gesellt sich zu ihr. Noch eine weitere. In unnatürlichen und stotternden Bewegungen taumeln sie über die Bühne. Zwei der Frauen beginnen einen eindrucksvollen Tanz, bei dem sie sich gegenseitig ohne Hemmungen anspringen und wieder auffangen. Die Körper verschlingen sich ineinander, sie rollen sich übereinander hinweg und ihre Bewegungen scheinen durch Berührungen von der einen auf die andere überzuschwappen. Wie Wasser fließen ihre Körper ineinander.
Sie necken sich.
Sie verfolgen sich.
Sie lieben sich.
Sie jagen sich.
Sie umarmen sich.

Mit großer Faszination beobachte ich dieses Spiel der zwei Tänzerinnen und vergesse kurz, dass auf der Bühne gleichzeitig noch weitere Abläufe im Gange sind. Eine der Frauen, oberkörperfrei und mit dem Rücken zu uns gedreht, hat indes ihren Oberkörper mit weißer Farbe eingeschmiert. Sie erhebt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht und beginnt eine der beeindruckendsten Tanzperformances, die ich je gesehen habe. Mit unnatürlichen Bewegungen stolpert sie über die Bühne. Dabei stößt sie immer wieder unglaublich schrille, schmerzerfüllte Schreie aus. Sie wälzt sich scheinbar leidend auf dem Boden und spreizt ihren Körper, als wäre sie von etwas besessen. Ihre Hände streckt sie verkrampft dem Himmel entgegen, sie ringt sie nach Luft. Dann bleibt sie liegen und zwei weitere Frauen mit entblößtem Oberkörper beginnen, sich, immer durch ein Körperteil verbunden, über die Bühne zu schwingen. Eleganz, Anmut, Liebe und Geborgenheit treffen in diesem Tanz aufeinander.

Die Stimmung ändert sich nun von sentimentalen Klängen und Tänzen zu rhythmischen und schnellen Melodien. Unterstützt von Trommeln, Rasseln und dem Zujubeln der Frauen tanzen zwei Frauen und das Mädchen mit gesenkten Köpfen einander an. Das Mädchen, umhüllt in einen Poncho, tanzt mit trippelnden Schritten und wackelndem Kopf über die Bühne. Die Frauen beugen sich vor und schütteln ihren Oberkörper und ihren Kopf, wobei ihre Ohrringe dabei nur so klirren und ihre Zöpfe, in denen Bänder eingeflochten sind, nur so umherspringen. Ich fühle mich als Zeugin eines Volksfestes und auch intimster Momente zwischen dem Volk der Mapuche.
Zusammenhalt.
Unterstützung.
Vertrauen.
Liebe.

Und dann das Ende: Die Jüngste und die Älteste halten sich an den Händen, während die anderen Frauen sie sanft summend umkreisen. Ein rührender Moment voller Zuneigung und Geborgenheit. Ohrenbetäubender Applaus.