Festivalredaktion

nAh drAn

»Sisi Pelebe« hinterfragt cis-heteronormative Familien- und Rollenbilder
Bühnenraum im 22. Stock des Dreischeibenhauses
Blick aus dem Theaterraum auf das Düsseldorfer Schauspielhaus

von Nicole Maas

In »Sisi Pelebe« fühlt es sich vielmehr so an, eine heimlich beobachtende Person eines Familiendramas zu sein, statt Teil eines distanzierten Publikums. Wir sind mittendrin in den Konflikten einer vierköpfigen Familie, auch räumlich. Denn im 22. Stockwerk des Düsseldorfer Dreischeibenhauses gibt es keine Bühne. Wir befinden uns mit den Schauspieler:innen auf einer Ebene. »If there was no COVID, it would have been even closer«, erzählt der nigerianische Autor und Regisseur Kelvinmary Ndukwe aus Lagos nach der einstündigen Inszenierung. Ihm ist es wichtig, dass die Zuschauenden nah an den Darsteller:innen dran sind. Lediglich einige Stehtische, Stühle und ein Klavier bilden das Wohnzimmer, in dem sich die Familienmitglieder nach und nach gewollt und ungewollt vor den anderen entblößen. Oft kann ich mich mit den Charakteren identifizieren: Uneinigkeiten zwischen Geschwistern. Scham vor den Eltern. Streit mit der Mutter.

In »Sisi Pelebe« wird sich umarmt, geliebt, gehasst, gestritten und voreinander geweint. Ob sich in der Familie vergeben wird und jede:r so akzeptiert wird, wie er:sie ist? Das bleibt unklar. Es gibt vertraute Momente zwischen den Figuren. Zum Beispiel, wenn die Mutter ihrer Tochter von ihrer großen Liebe zu Christina erzählt. Im nächsten Augenblick werden die Geheimnisse wieder vergessen und die Gespräche enden im Streit. Wenn der Onkel seine Schwester verrät und der familiäre Kosmos ins Wanken gerät. Wir erleben eine Familie mit viel Nähe und Distanz. Offenbarungen und Geheimnissen. Entschuldigungen und Vorwürfen. Und sind Tochter und Sohn wirklich Geschwister oder sind sie ein Liebespaar? 

Ndukwe hinterfragt die Konstellation heteronormativer Familien

Anlass der Stückentwicklung war die neue nigerianische Gesetzeslage für homosexuelle Menschen. Für ihre sexuelle Orientierung können sie mit einem 14-jährigen Gefängnisaufenthalt bestraft werden. Menschen, die eine homosexuelle Person decken, gehen das Risiko ein, für zehn Jahre ins Gefängnis zu müssen. »Sisi Pelebe« will Sichtbarkeit von queeren Lebensrealitäten schaffen. Ndukwe erklärt: »Because of the law, I felt the need to speak up.« Hierfür nutzt er die Theaterkunst und sendet ein klares Signal an die Politik. Denn es braucht weiterhin Sichtbarkeit von Queerness, damit sich politisch etwas ändert.
 
»Sisi Pelebe« hinterlässt Fragen in mir: Was macht eine Familie aus? Ab wann sind Konflikte innerhalb von Familien nicht mehr normal, sondern schädlich? Und wie viel Wahrheit kann eine Familie aushalten? Ndukwe spitzt die Familienkonstellation zu. Er spielt mit unseren Vorstellungen von Geschlechter- und Familienrollen, um genau diese aufzubrechen. Besonders in diesen Tagen, in denen für die Sichtbarkeit von queeren Menschen gekämpft wird, nachdem die UEFA sich entschieden hatte, die Regenbogenfarben als Stadionbeleuchtung zu verbieten. Die Inszenierung von »Sisi Pelebe« gewinnt dadurch noch an Bedeutung, ist ein klares Statement gegen Homophobie weltweit. Ndukwe macht deutlich: »The same problems you face here, we face in Nigeria. It is a global problem.«