Festivalredaktion

Perspektivenwechsel

Interaktives Objekttheater »Der Urknall« begeistert durch Kamerakonzept
Copyright: Tal Shahar

von Jorid Disteldorf

Während es draußen wie aus Eimern schüttet, sitze ich mit Decke und Eis vorm PC und starte das Science-Fiction-Märchen »Der Urknall« von Zvi Zahar und PuppetCinema. Theater von Zuhause aus.»Interaktives Objekttheater«steht als Beschreibung des Formates im Programm.Darunter konnte ich mir erst mal nichts vorstellen. Doch in den ersten Minuten wird dieses Konzept rasch klar. Interaktiv heißt hier: das Wechseln zwischen zwei Kameraperspektiven. Die eine zeigt die Geschichte von Ki und seinem Hund Betty, die andere die Puppenspieler:innen Kęstutis Bručkus, Vytautas Kairys, Monika Mikalauskaitėsowie die Kameraführung von außen.

Die Puppenspieler:innen sind durch die, ich nenne sie mal »Hinter den Kulissen«-Kamera erkennbar. Das stört nicht, eher im Gegenteil: Es ist extrem spannend, weil diese Perspektive sichtbar macht, wie die Geschichte entsteht. Die Figuren und die Welt um sie herum sind gerade zu niedlich. Die einzelnen Bauteile der Kulisse sowie die Puppen sind aus Computer-, Metall- und Kunststoffteilen. So wird ein Computergehäuse zum Hochhaus, mehrere aneinander liegende Prozessoren zu einer Stadt, auf die man aus vielen Metern in der Luft schaut, ein Mobiltelefon zum Fernseher von Ki und Betty, auf dem sie die »Pac-Man Champions League«schauen. Die Geschichte kommt ausgezeichnet ohne Sprache aus. Sound- und Musikeffekte reichen vollkommen, um Plot und Stimmung zu verstehen. 

Durch die Option die Kamera wechseln zu können, bleibt eine konstante Lust am Schauen. Es ist geradezu faszinierend, den Puppenspieler:innen zuzuschauen oder mitzuverfolgen, wie die Kamera im One-Shot-Modus, ohne Cuts das ganze Stück über filmt. Dabei sind die Übergänge der einzelnen Szenen oder Zeitsprünge clever durch Heranzoomen der Sonne oder Abschweifen in die Metall-Kunststoff-Welt gelöst. Die Geschichte um Ki und Betty und ihre Welt, die durch einen Stromausfall zum Stehen kommt, rückt dabei eher in den Hintergrund. Spannender für mich ist, zu beobachten, wie alles gefilmt wurde und was die einzelnen Teile der Inszenierung vorher mal waren. 

Zum Schluss noch ein Tipp: Die einzige Schwachstelle der Inszenierung ist, dass durch die düstere Stimmung die Aufnahmen recht dunkel sind. Deshalb sollte der Raum, in dem man »Der Urknall« streamt, eher dunkel sein. Damit man sich nicht ständig selbst als Spieglung auf dem Monitor oder Display sieht und dadurch abgelenkt wird.