Festivalredaktion

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Guillermo Calderóns »Dragón« fragt nach der Aufgabe des Theaters

Copyright: Eugenia Paz

von Simone Saftig

Wenn Kunst Kunst thematisiert, wird die Metaebene quasi zur conditio sine qua non. Am Ende der Inszenierung von »Dragón« spielt der chilenische Regisseur Guillermo Calderón diese Metaebene raffiniert aus. Nach einem eineinhalbstündigen Streitgespräch über die vermeintliche Krise der Kunst, über Fakten und Fake auf der Bühne, erfahren die Zuschauer:innen: Alles Gesagte war selbst Fake, das auf der Bühne Ausgetragene ein Stück im Stück.

Die Deutschlandpremiere von »Dragón« wird live aus einem leeren Theatersaal in Chile in das Düsseldorfer Schauspielhaus übertragen. Schon beim Einlass kann man die Schauspieler:innen des Kammerspiels in ihrem Setting beobachten. Sie sitzen in einem Bistro, das, so wird es uns in der Abmoderation der Aufführung erklärt, während der Militärdiktatur als Ort des Austauschs für Intellektuelle galt. Dass ich als Zuschauerin während der Inszenierung über den kulturellen Kontext des Etablissements ebenso wenig aufgeklärt bin wie über die Details der kulturpolitischen Situation Chiles, stört meine Rezeption keineswegs. Im Gegenteil: Das Stück funktioniert auch, wenn man es dem spezifischen Kontext entnimmt. Schließlich geht es um Fragen nach der Aufgabe und Wirkung von Kunst. Kunst, die für die Mittelschicht, die »Spießer« gemacht wird. Ich fühle mich ertappt. Bin ich nicht selbst gerade Teil der akademischen Bubble?

Doch natürlich soll das Stück im Wesentlichen die Aufmerksamkeit auf Chile lenken, ein Land, so erklärt Calderón im Nachgespräch, das unter Unzufriedenheit und Schmerz leide und die Aufgaben des Theaters neu aushandeln müsse. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Künstlerduo »Dragón«. Auf der Suche nach der perfekten Inszenierung für sein Comeback holt es sich Unterstützung bei einer jungen Künstlerin, die sich zunächst als Fan ausgibt. Schon zu Beginn wird dabei die Kulturszene mit ihren exzentrischen Künstlerexistenzen auf die Schippe genommen. Die junge Künstlerin habe sich hochgeschlafen, die »Drachen« seien bisweilen aufbrausend und würden überreagieren. 
Was ist Fakt und was ist Fake?
Diese Art von selbstreferentiellem Witz trifft auf eine ordentliche Portion Sarkasmus, der besonders bei der Thematisierung von kultureller Aneignung und Blackfacing pointiert wird (wobei das Timing der Untertitel hierbei leider so manche Pointe vorwegnimmt). Dass die Darsteller:innen beim Brainstorming über die Inszenierung des Mordes am guyanischen Historiker Walter Rodney darüber streiten, ob sie sich schwarz anmalen, eine Perücke aufsetzen oder Gliedmaßen von Schwarzen Menschen nutzen sollten, löst Unbehagen aus. Das Lachen bleibt im Halse stecken und steckt noch immer da. So soll es auch sein, denn die Provokationen des Stückes hallen genauso nach wie die unbeantworteten Fragen.
 
Dass es für ein erfolgreiches Theaterstück zwangsläufig um »clase o raza« gehen müsse und die bourgeoisen Künstler:innen dafür Rassismus- und Armutserfahrungen anderer instrumentalisieren wollen, bringt ein massives Problem der fehlenden Repräsentation von Unterdrückten und Minderheiten auf den Punkt. Calderón akzentuiert diese und andere Debatten des Theaters durch rasante Dialoge der drei starken Schauspieler:innen. Während sich die Mitglieder von »Dragón« immer weiter in makabre Absurditäten verstricken und sich ihre moralischen Fehltritte einander als Verrat vorwerfen, fungiert die dritte Darstellerin als provokative Stimme der moralischen Integrität. Immer weiter treibt sie das Duo an, sie sollen spielen, sie sollen schockieren. Untermalt werden ihre Ideen mit dezenten Klängen verschiedener Instrumentengruppen, die nur einzelne Töne spielen und damit die Aussagen wie Ausrufezeichen untermauern.
 
Als die junge Assistentin schließlich als ehemaliges drittes Mitglied von »Dragón« mit auffällig schlechter Perücke auftritt, bahnt sich an, dass sich hier eine Frau als zwei Personen ausgibt. Das Motiv der Perücke weist uns dabei bereits auf eine weitere wichtige Frage hin: Was ist Fakt und was ist Fake? Es ist nur eine der unzähligen Fragen, die durch wenige Requisiten und stilistische Pointen unterstrichen werden. Eben diese Fragen, die im Theatersaal auftreten, scheinen auch genau hier geklärt werden zu müssen: Was zählt mehr? Ruhm oder Kunst? Kunst oder Leben? Frieden oder Freiheit? Schock oder Show? Das Resultat: Während wir keine Antworten finden, spielt sich die brutale Realität draußen ab.
 
Mich lässt es trotzdem fragend zurück und das soll es vermutlich auch, ein Denkanstoß sein: über arrogante Kunst, Kultur für Privilegierte, Absurditäten der Selbstbeweihräucherung, gewolltes Schockieren. Die Tatsache, dass ich mir diese Fragen noch heute Abend im Bett stellen werde, ist für mich gleichzeitig selbst Antwort auf die Frage nach dem Wert von Theater.