Festivalredaktion

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Dramaturgin Kirstin Hess über »Ist mein Mikro an?« und Politik auf der Bühne

Copyright (2): Thomas Rabsch

von Nicole Maas

Beim Festival Theater der Welt feiert »Ist mein Mikro an?« Premiere, ein Stück zum Klimawandel. 18 Jugendliche spielen und sprechen den Text des kanadischen Theater- und Filmregisseurs, Drehbuchautors und Aktivisten Jordan Tannahill. Kirstin Hess, Dramaturgin am Jungen Schauspiel Düsseldorf, war 2018 davon überzeugt, dass ein Stück von Tannahill auf die Theaterfestivalbühne gehört. Mit Nicole Maas spricht sie über den Entwicklungsprozess von »Ist mein Mikro an?« und erzählt, wieso politische Themen auf die Bühne gehören. 

Jugendjury: Hallo Kirstin Hess. »Ist mein Mikro an?« feiert beim Theater der Welt Premiere. Es ist ein Protestsong und eine Liebeserklärung zugleich. Was ist mit Liebeserklärung genau gemeint?

Kirstin Hess: Jordan Tannahill sagt aus der Perspektive der jüngeren an die älteren Generationen: »Wir vergeben euch, wir lieben euch«. Er erwähnt auch die Pandemie in dem Stück, denn die junge Generation hat ihr Leben für die älteren Generationen hinten angestellt. Jetzt müsste die Einsicht kommen: Der Klimawandel muss genau wie die Pandemie ernst genommen werden, da der Klimawandel für alle tödlich ist. »Ist mein Mikro an?« ist eine Liebeserklärung an das Leben, an die älteren Generationen, die kein Feindbild sind, was manche Erwachsene oftmals so empfinden. Es sollen vielmehr das Umarmende und das Aufeinander-Zugehen thematisiert werden. Die Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen und die Entwicklung von Klimagerechtigkeit brauchen alle. Das funktioniert nur gemeinsam.
 
Jugendjury: Wie wichtig ist es, dass für junge Menschen das Mikro an ist?

Hess: Ich muss erstmal dazu sagen, dass »Is my microphone on?« eine Frage von Greta Thunberg ist, die sie 2019 im letzten Drittel ihrer Rede im Britischen Parlament stellte. Es war die Zeit in der Greta zahlreich eingeladen wurde, um Reden zu halten. Sie fragte sich: »Hört ihr mir überhaupt noch zu?«. Der Titel ist also ein Zitat von Greta Thunberg und eine englische Redewendung, auf Deutsch heißt es übersetzt »Hört ihr mich?«.  Zu deiner Frage: Das ist total wichtig, aber das haben wir auch alle gelernt, oder nicht? Spätestens durch Fridays for Future.
 
Jugendjury: Wird jungen Leuten zu wenig zugehört in unserer Gesellschaft?

Hess: Ja! Es gibt Stimmen, die sagen: »Das Wahlrecht muss ab 0 Jahren sein«. Andere finden die Idee verrückt. Manchmal frage ich mich dabei, wieso selbstverständlich davon ausgegangen wird, ab 18 Jahren könnten Menschen mitentscheiden. Das ist auch ein Thema von Jordan Tannahill, denn im Stück geht es darum, dass Wahlberechtigte in die Verantwortung gezogen werden für ihre Wahlentscheidungen bezüglich der Klimapolitik.
 
Jugendjury: Was kannst du über die Stückentwicklung von »Ist mein Mikro an?« erzählen?

Hess: Jordan Tannahill habe ich auf der Preisverleihung des Deutschen Jugendtheaterpreises 2018 kennengelernt. Er war nominiert für den Preis und reiste nach Frankfurt an. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und viel miteinander geredet. Zu dem Zeitpunkt gab es bereits die Idee, für das Theater der Welt Stücke in Koproduktionen entwickeln zu wollen. Bei unseren zahlreichen Treffen in zum Beispiel London und Berlin kristallisierten sich die Themen Klima und Umwelt stark heraus. So entstand das Stück »Ist mein Mirko an?«. Es war klar, dass der Text auf der Bühne von nicht wahlberechtigten Jugendlichen gesprochen und gespielt werden muss. Dabei adressieren Nicht-Wahlberechtigte in dem Stück wahlberechtige Bürger:innen, marginalisierte oder nicht gehörte Gruppen sprechen. Der Text  ist sehr undramatisch und gleichzeitig doch einer der Dramatischsten, den es geben kann.

Jugendjury: Wie siehst du das Verhältnis von Kunst und Politik?

Hess: Jordan Tannahill ist ein sehr engagierter Künstler. Wir haben ausgiebig über die Fragen gesprochen, die sich viele Künstler:innen stellen: Was muss sich ändern? Sollen wir uns politisch mehr zeigen? Welche Bedeutung hat eigentlich die Bühne in politisch wichtigen Themen? Hat sie überhaupt eine Bedeutung? Tannahill  hat schon viele Aktionen zu den Themen Queerness und Klimaaktivismus gemacht und teilgenommen. In »Ist mein Mikro an?« gibt es eine Stelle, da sagen die Spieler:innen: »Shout out for the people on the bridge«. Damit ist die Waterloo Bridge in London gemeint, die an Ostern 2019 von der Umweltschutzbewegung »Extinction Rebellion« zu einem Kunsthappening an Ostern umgewandelt wurde. Extinction Rebellion oder Fridays for future arbeiten sehr oft in ihrem Aktivismus mit künstlerischen Elementen, wie zum Beispiel dem »Tanz fürs Klima«. In vielen Klimapolitik-aktivistischen Aktionen spielt die darstellende und bildende Kunst eine ganz große Rolle! Das finde ich sehr interessant.

Jugendjury: Wie wichtig ist es, politische Themen mit auf die Bühne und in Theater einzubringen?

Hess: Auf der Bühne gibt es kaum etwas Nicht-Politisches. Alles hat dort eine gesellschaftliche Wirkung. Wer repräsentiert auf der Bühne? Wessen Stimme wird repräsentiert? Wer sitzt im Publikum? Das hat immer eine Folge. Wenn ich behaupte, nicht-politisches Theater zu machen, hat es doch auch eine Wirkung auf das Publikum. Jedes Stück hat eine politische oder gesellschaftliche Wirkung. Da ich am Jungen Schauspiel für ein junges Publikum arbeite, ist oft von kultureller Bildung statt Kunst die Rede. Aber Kunst, Politik und Bildung lassen sich nicht voneinander trennen. Wenn ich Kunst erlebe und nachhaltig davon berührt wurde, setzt ein Bildungsprozess ein und dies könnte eine gesellschaftliche oder politische Bedeutung gewinnen. Wenn Kunst nicht berührt, war sie vielleicht einfach nicht gut. 
Die kanadische Regisseurin Erin Brubacher hat mir einmal einen Artikel geschickt zu der Frage: »Was soll, kann und müsste die Kunst machen bei Klimafragen?«. Diese Frage stellt sich auch immer wieder Jordan Tannahill: Ob es nicht besser wäre, die eigene Zeit in Aktivismus zu stecken? Trotzdem machen wir mit der vielen Zeit Theater. Kanadische Klimaforscher:innen haben die These, dass sie das wissenschaftliche Know-How haben zu Klimafragen, ihnen jedoch die Sprache zur Vermittlung fehlt. Das kann die Bühne! 

Jugendjury: An »Ist mein Mirko an?« habt ihr intensiv während der Pandemie gearbeitet. Mit welchen Herausforderungen war die Stückentwicklung verbunden?

Hess: Erst vor wenigen Wochen wurde entschieden, dass das Stück Open-Air aufgeführt wird. Pandemiebedingt hätten wir mit so vielen Spieler:innen das ursprüngliche Konzept so nicht umsetzen können. Dadurch ist leider das phänomenale Bühnenbild von Sherri Hay weggefallen. Sie hat stark mit Elementen gearbeitet, die ähnlich wie bei Installationen von Fischli und Weiss, »Der Lauf der Dinge« (1987), von der Bewegung einzelner Dinge inspiriert sind. Dort werden Miniaturkatastrophen, die im Dominoeffekt ausgelöst werden, dargestellt. Wer irgendwo etwas von Sherri Hay sehen kann, sollte es machen, sie ist großartig! 

Die Regisseurin des Stücks, Erin Brubacher, kennt Tannahill sehr gut. Sie hat die Jugendlichen für das Stück mit ausgewählt. Einige Jugendliche sind geblieben, neue sind seitdem dazugekommen. Insgesamt sind es 18 Jugendliche, die zwischen zwölf und 17 Jahre alt sind. Sie haben sich während der Pandemie mit Erin Brubacher regelmäßig online getroffen und sich über politische Themen unterhalten, oder mit Cara Spooner an der Choreografie gearbeitet. Das Team konnte leider nicht anreisen, nur durch die Bereitschaft von Regisseur Bassam Ghazi, das Regiekonzept von Erin Brubacher und dem Team hier umzusetzen, ist die Arbeit jetzt zu sehen. Hajo Wiesemann als Musikalischer Leiter hat das musikalische Konzept von Veda Hille verwirklicht. Dass diese Produktion stattfindet, war so unwahrscheinlich. Deswegen freut es mich umso mehr, dass wir »Ist mein Mikro an?« aufführen werden. 

Jugendjury: Interessant! Wie war denn das erste Aufeinandertreffen von den Jugendlichen, nachdem sie sich so lange nur online begegnet sind?

Hess: Es war sehr witzig und besonders. Alle sind so zusammengewachsen, was sehr schön ist!