Festivalredaktion

TrauMspiEl

Ein Gespräch mit den Macher:innen der »Dream Machine«

Anke Retzlaff, Lukas Schäfer und Peter Florian Berndt (v.l.). Copyright: Eva Marschall

von Eva Marschall und Benita Stelz

Wer während des Theater der Welt Festivals auf dem Gustaf-Gründgens-Platz war, hat es vielleicht flüstern gehört, ganz leise. Und wer neugierig war, ist der Stimme gefolgt und hat die Telefonzelle der Gruppe um Anke Retzlaff gefunden, die mit ihrer Performance »Dream Machine« zu Gast beim Festival sind. Was von außen aussieht wie eine retro Telefonzelle ist von innen ausgekleidet mit Lautsprechern, Lichtern und einer Anleitung. Hebt man den Hörer ab, erklärt eine Stimme, wie man hier einen Traum hinterlassen und von anderen Gäst:innen hinterlassene Träume anhören kann.Die Jugendjury der Festivalredaktion hat mit der Regisseurin und Schauspielerin Anke Retzlaff und den Musikern Lukas Schäfer und Peter Florian Berndt über Träume und Theater gesprochen. 


Jugendjury: Hallo. Wie habt ihr geschlafen letzte Nacht?

Anke Retzlaff: Ich hab auch mal gut geschlafen zur Abwechslung, aber ich habe wild geträumt. Wir träumen jetzt nämlich alle ein bisschen mehr, seitdem wir diese Produktion machen.

Jugendjury: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch mit Träumen zu beschäftigen?

Anke:Träume haben mich schon immer sehr interessiert. Und es bietet sich auch einfach an, Träume und Musik zu verbinden. 

Jugendjury: Wenn ihr euch den nächsten Traum aussuchen könntet, was würdet ihr träumen?

Peter Florian Berndt: Also ich finde, das Träume so schön sind, weil man halt nicht weiß, was einen erwartet. Im Traum lasse ich mich gern überraschen.
Anke Retzlaff: Ja, das finde ich auch. Und die Frage ist dann eher, wenn man aufwacht, was man aus dem Traum macht. 

Jugendjury: Könnt ihr euch an Träume erinnern nach dem Aufwachen?

Lukas Schäfer: Also ich konnte es bis vor zwei Monaten eigentlich gar nicht mehr. Als die Probenphase für »Dream Machine« losging, habe ich von meiner Mitbewohnerin ein paar Tipps an die Hand bekommen, wie man das initiieren kann und jetzt klappt das mittlerweile. Und das ist wirklich geil nach 15 Jahren Traumpause, sich selbst wieder zu flashen alle paar Nächte. Dann find ich auch die Verbindung aus sprachlichen Träumen und Musik total passend. Mit Sprache kann man sehr konkret Sachen beschreiben. Und Musik ist sehr konkret, weil es bestimmte Töne und Frequenzen sind. Aber beides ist auch surreal und unlogisch. 
Peter Florian Berndt: Dieses Projekt hat dazu geführt, dass ich mich abends auf meine Träume freue wie auf eine Geschichte, die mir erzählt wird. 

Jugendjury: Findet ihr in Träumen auch nach dem Aufwachen noch eine Bedeutung?

Anke Retzlaff: Für mich haben Träume eine große Bedeutung. Ich liebe es auch, wenn Leute mir ihre Träume erzählen und mir dann zu überlegen: Warum träumt die Person sowas? Ich habe das Gefühl, das ist eine ganz andere Art, jemanden kennen zu lernen, weil man sich auf einer anderen Ebene miteinander auseinandersetzt. Und genau das habe ich mit mir auch. 
Lukas Schäfer: Träumen ist ja auch sehr persönlich. 
Anke Retzlaff: Wir in der Gruppe teilen jetzt auch immer unsere Träume in einem WhatsApp Archive als Sprachnachrichten. Wenn man mitbekommt, wer wo welche Probleme hat oder was gerade los ist bei den anderen und dann kommt so ein Traum und man denkt: Ah krass, das ist ja alles da. Das ist ja auch Kunst, wie eine erste Form von Kunst, die jeder Mensch macht.

Jugendjury: Träumt ihr mit Musik?

Peter Florian Berndt: Ich habe sogar schon mal komponiert im Traum.
Anke: Oh ich auch! Das war großartig. 

Jugendjury: Habt ihr Tagträume?

Anke Retzlaff: Ganz oft! Bei mir sind das Gespräche. Ich unterhalte mich mit irgendwelchen Leuten in meinem Kopf. Und Erinnerungen, die ich fortspinne. Daraus mache ich dann irgendetwas Neues. 
Peter Florian Berndt: Ich denke immer an verflossene Liebschaften oder nicht wahr genommene Gelegenheiten. 
Lukas Schäfer: Ich denke viel an die Zukunft: Was ist morgen, was ist nächste Woche? Wie könnte es in einem Jahr sein? Wie könnte es in zehn Jahren sein? Und was mache ich jetzt, damit es in zehn Jahren so sein könnte.

Jugendjury: Zurück zu eurem Stück »Dream Machine« – was erhofft ihr euch vom Festival?

Anke Retzlaff: Ich glaube, es wird ganz wunderbar, mal wieder vor Menschen zu spielen! Und es ist toll, dass unsere Telefonzelle auf dem Gelände steht, dass so viel Material reinkommt an Träumen. Da sind schon viele Träume auf allen möglichen Sprachen gesammelt, von ganz unterschiedlichen Menschen.von unterschiedlichen Orten der Welt, das ist total faszinierend. 

Jugendjury: Wie baut ihr die Stimmen ein?

Anke Retzlaff: Es gibt ganz unterschiedliche Wege, an denen wir forschen. Wir haben alle möglichen Experimente gemacht mit diesen Stimmen: mit den Stimmen kommunizieren, die Stimmen zueinander sprechen lassen, die Stimmen in Musik umzuwandeln über den Sampler, durch den die Stimme oder die Erzählung nicht mehr verfolgbar ist und dann wirklich zu Musik wird. Zu Textur, zu Rhythmus. Teilweise wird Musik daraus gemacht, teilweise wird Musik dafür gemacht, teilweise inspiriert es einen Vorgang auf der Bühne. Das ist ganz unterschiedlich. Am Ende ist die Inszenierung für Menschen, die gerne träumen. Die vielleicht mal einen gemeinsamen Traum erleben wollen mit vielen Menschen, im Theater.
Lukas: Die Lust haben auf Gedankenspiele. Es ist ein Traumspiel.

Jugendjury: Wieso habt ihr euch entschieden, diese Telefonzelle aufzustellen und nicht einfach im Voraus schon Sachen aufzunehmen?

Anke Retzlaff: Ursprünglich es gab den Gedanken, diese Telefonzelle auf der Bühne zu haben und sie als eine Art immersiven Raum fürs Publikum zu nutzen. Die Stimmen sollten live auf Kopfhörer übertragen werden und wir wollten daraus Musik machen. Wir haben uns aber im Laufe der Arbeit dagegen entschieden, weil dieser Vorlauf auch interessant ist. Die Telefonzelle an sich ist für uns auch ein Symbol wie es sie auch in Träumen gibt. Ein Symbol für Kontaktherstellung und Verbindung. Darum geht es auch in unserer Konzertperformance. 

Jugendjury: Dream Machine ist eine neue Art Theater zu machen. Wie sieht für euch das Theater der Zukunft aus?

Peter Florian Berndt: Das ist interessant für viele, habe ich festgestellt. Ich treffe wenige junge Theaterleute, die Lust haben, klassisch Theater zu machen. Was ich auch festgestellt habe ist, dass eine große Attraktivität darin besteht, die Musiker mit auf die Bühne zu hohlen.
Anke Retzlaff: Das ist auch das, womit wir uns täglich stark beschäftigen. Wie können Sprache und Musik miteinander kommunizieren? Wie können wir da irgendwie gemeinsam agieren? 
Lukas Schäfer: Ja wie bekommt man Musik und Stimme oder Musik und Sprache zusammen? Das ist die eine Seite, die anders ist: Wie schafft man es als Gruppe, die sich zusammensetzt aus Menschen mit verschiedenen Arbeitsbereichen, das zu kommunizieren? Es geht um eine Kommunikation zwischen diesen Medien, aber auch um eine Kommunikation unter den Leuten.