Festivalredaktion

Von Theater, Träumen und der Revolution

Regisseur Guillermo Calderón im Gespräch
Copyright: Eugenia Paz

von Maya Saupe Morocho

Endlich, geschafft. Ein Interview mit dem Regisseur, Dramatiker und Drehbuchautor Guillermo Calderón. Aufgrund der Pandemie war es ihm und seinem Team nicht möglich anzureisen und so sahen wir das Stück »Dragón« auf einer Leinwand als Livestream aus Chile, und konnten ihn später bei einer Zoomkonferenz kennenlernen. Über E-Mailkontakte komme ich an seine Telefonnummer... uiii was eine Ehre... und stoße direkt auf den nächsten Stolperstein, die Zeitverschiebung.

In den frühen Morgenstunden bei Guillermo in Santiago, mittags bei mir und kurz vor dem Aufbruch zur Arbeit in Düsseldorf, gelingt es uns, uns für einen Augenblick zu »connecten« und den zeitlichen und geografischen Unterschied zu vergessen. 

Jugendjury: Guten Morgen, wie geht es Ihnen?

Guillermo Calderón: Sehr gut, danke. 

Jugendjury: Unsere Festivalredaktion setzt sich aus jungen Leuten im Alter von 16 bis 29 Jahren zusammen, die alle sehr interessiert an Theater und Journalismus sind. Wann haben Sie angefangen, sich für das Theater zu interessieren?
 
Calderón: Als ich gerade 15 oder 16 Jahre alt war, trat ich der Theatergruppe in der Schule bei. Ich habe mich sehr für die Schauspielerei interessiert und es war das, was mich in der ganzen Schulzeit am meisten interessierte. 

Jugendjury: Am Anfang haben Sie also nur im Theater gespielt? Wann haben Sie angefangen, Ihre ersten Stücke zu schreiben? 

Calderón: Viel später. Ich habe an der Universität Theater studiert, ich wurde Schauspieler. Dann wurde ich Regisseur, und nachdem ich so viele Jahre lang Regisseur war, wurde ich Dramatiker und Drehbuchautor. 

Jugendjury: Und war es für Sie und die »verlorene Generation« zu Ihrer Jugend überhaupt möglich, sich für das Theater zu begeistern und einzusetzen, oder war es damals schwieriger als heute? 

Calderón: Ich würde sagen es war einfach, weil das Theater eine Möglichkeit war, sich kulturell und politisch zu finden. Damals gab es viel »Underground«-Theater und es war eine sehr schöne Subkultur, an der viele Leute teilhaben wollten. Und es gab viele Leute, die daran interessiert waren, es zu sehen. Also ja, es gab eine Menge Theater. 

Jugendjury: Hatten Sie neben neben dem Theater noch andere Interessen oder Neigungen? 

Calderón: Nein... Nun, Politik. Das ist es, was mein ganzes Leben geprägt hat, Politik und Theater. Und ich war dem Kino und der Literatur immer sehr nahe. 

Jugendjury: Ich mag Ihren Sinn für Humor sehr, manchmal ein bisschen düster. Ich finde es toll, dass Ihre Charaktere kein Blatt vor den Mund nehmen und sich trauen, unanständige und womöglich unpassende Themen mit einem manchmal vulgären Vokabular anzusprechen. Sind Sie auch in Ihrer Freizeit und im Umgang mit Ihren Freunden und Ihrer Familie ein sarkastischer Mensch? Oder heben Sie sich diese Eigenschaften für Ihre Stücke auf, um das Publikum zu schocken? 

Calderón: Nein. Ich würde sagen, dass ich bei der Arbeit und so, wie mich die Leute kennen, normalerweise sehr ernst bin, aber wenn sie mich ein bisschen mehr kennen und wir in der privaten Welt sind, lache ich gerne viel und ich mag diesen Sinn für Humor, der in den Stücken vorkommt. Und ich denke, es ist Teil der Kultur meiner Familie. Viele Leute sind überrascht, weil Leute, die mich nicht gut kennen, meine Person nicht mit dem Humor in meinen Stücken verbinden, aber in Wirklichkeit spricht das Stück mehr über mich als ich über mich selbst. 

Jugendjury: Sie provozieren das Publikum gerne, und versetzten ihm gerne einen Schock, was wie es mir erscheint ein wichtiges Leitmotiv Ihrer Stücke ist. Glauben Sie, dass die Menschen manchmal die Augen vor der Realität verschließen? Und widmen Sie sich deshalb der Aufgabe, Ihr Publikum aufzuwecken oder zu schockieren? 

Calderón: Nun, ich denke, es gibt zwei Gründe. Zum einen finde ich, dass der Schock ein Teil des Vergnügens am Theater ist. Mit anderen Worten: Man geht ins Theater, um sich überraschen zu lassen und um eine intensive, ästhetische und politische Erfahrung zu machen. Der Schock ist also Teil des Vergnügens. Und zweitens auch, weil die Kraft des Theaters, in meinem Fall, diese politische Kraft haben muss. Oft ist es notwendig, dass die Botschaft und der Inhalt viel Energie, Kraft und Klarheit haben. Das ist auch ein Teil dieses Schocks. 

Aber ich finde die Hauptsache ist, dass das Theater ein Gesamterlebnis ist. Von Ästhetik, Politik, und Freude. Ich denke also, dass ein Element wie Schock alle diese Anforderungen erfüllen muss. 

Jugendjury: In dem Dialog nach dem Stück sagten Sie, dass die »verlorene Generation« ihre Stimme ganz von null an wiederfinden musste. Glauben Sie, dass es ihnen gelungen ist? 

Calderón: (seufzt) Ja, sie haben es durch eine kollektive Kraft geschafft, weil sich viele Stimmen zusammengetan haben. Und damit beziehe ich mich nicht nur auf das Theater, sondern auf alle Künste. Sie haben es gemeinsam geschafft endlich in Erscheinung zu treten! Die Generation, die einst verloren und verschwunden war, ist zum Vorschein gekommen und entfaltet sich nun. Es ist also eine Generation, die sich noch weiterbildet, immer weiter in Erscheinung tritt und sich ihren Platz in der Populärkultur hart erkämpft. 

Jugendjury: Seitdem hat sich viel verändert, hier in Deutschland gibt es viele Demonstrationen für den Klimaschutz, zum Beispiel von »fridays for future«, gegen Rassismus, gegen korrupte Regierungen in verschiedenen Ländern. Vor ein paar Monaten gab es hier Demonstrationen gegen die Regierung Kolumbiens und ihr Vorgehen gegen die Bürger:innen. Meist werden diese Demonstrationen von jungen Menschen angeführt. Sie schweigen nicht mehr, erheben sich und klagen die Regierung und die älteren Generationen für ihre Fehler oder ihr Schweigen an. Ist das in Chile ähnlich? 

Calderón: Nun ja, das ist hier genauso. Auch hier in Chile hatten wir eine ähnliche Situation wie in Kolumbien. Ende 2019 gab es auch in Chile soziale Proteste, um das neoliberale System der letzten 30 Jahre zu verändern und das politische Regime der Verfassung der 80er Jahre zu ändern. Denn die Verfassung von 1980 ist immer noch ein und dieselbe Verfassung, die die Diktatur von Pinochet hinterlassen hat, so dass sich am politischen Regime und an der Wirtschaft des Landes seit dem nichts geändert hat. Nachdem die Regierung mit viel Gewalt gegen die protestierenden Menschen reagierte hatte, soll nun endlich eine neue Verfassung geschrieben werden. 

Das war ein Werk, oder sagen wir es mal so: eine Revolution, die vor allem von Jugendlichen und Studenten vorangetrieben wurde. Statt Theater zu spielen wie ich es tat mit 15, 16 Jahren, springen die junge Leute von heute über die U-Bahn-Absperrungen, um gegen die Fahrpreiserhöhung zu protestieren. Und das war es, was diese ganze Revolution ausgelöst hat. Deshalb herrscht in der chilenischen Gesellschaft im Moment große Bewunderung für die politische Kraft und Energie dieser jungen Menschen. Sie sind diejenigen, die die Revolution tragen und in gewisser Weise ist es auch die Generation, die träumt! Die davon träumt, alles zu verändern, weil meine Generation in mancher Hinsicht versagt hat, das Land zu verändern. Jetzt kommt also diese neue Generation mit mehr Kraft, und es ist unsere Pflicht, uns hinter sie zu stellen, um den Weg zu gehen, den sie beschreiten. 

Jugendjury: Was für starke und ermutigende Worte, um dieses Interview zu beenden. Ich danke ihnen vielmals für Ihre Zeit, es hat mir super viel Spaß gemacht. 

Calderón: Gleichfalls. Vielen Dank.

Jugendjury: Viel Erfolg bei Ihren nächsten Stücken. Ich werde mich mit Freude von Ihnen schockieren lassen.