Festivalredaktion

Spürt man im Himmel noch Reue, Oma?

Gedankensplitter zur kanadisch-deutschen Koproduktion »Ist mein Mikro an?«

Copyright: Thomas Rabsch

von Carolin Müller und Till Burberg

Meine Eltern schlafen bei Katastrophen-Dokus abends auf der Couch immer ein, es tut weh sie anzusehen, es tut weh, zu wissen, dass sie das hier vielleicht lesen. Manchmal checken sie gar nichts und ich will es ihnen gar nicht sagen, weil ich darunter leide, sie zu beschämen. Ich liebe meine Familie. Meine beiden Omas waren CDU-Wählerinnen und in meinem Kopf sind sie immer der richtigen Meinung. Ich wähle nicht die CDU…

Ich weiß aber auch nicht, was ich sonst wählen soll.
Ich weiß nicht, was ich machen soll.
Wie kann man Menschen erreichen, die einen direkt belächeln, die einem nicht zuhören und die sich nicht ändern wollen?

Kopfweh. Ich habe Kopfweh. Kopfweh, mit allem Bösen und Schlechten auf dieser Welt konfrontiert zu werden. Kopfweh, mich mit allem auf einmal auseinandersetzen zu müssen. 
Ich bin erschüttert. Erschüttert davon, auf den Boden der Realität geholt geworden zu sein.

Aber du hast ja kein Problem damit, du weißt genau wie scheiße alles ist, was passiert und was du laberst, aber trotzdem kannst du noch seelenruhig zwischen 100 Leuten sitzen, die allesamt gegen deine Meinung sind, und sie sind immer noch die Dummen. Du bist so unangreifbar, du solltest für all das bezahlen, aber es gibt keinen, der mit dir abrechnen will. Arsch. Im Gegenteil, du greifst uns an: Du Öko! Du hast doch keine Ahnung vom Leben! Überlasse das mal den Erwachsenen.

Schön wär’s! Schön wäre es, wenn wir Jugendlichen uns auf die Erwachsenen verlassen könnten. Schön wäre es, wenn sie ihren scheiß Job machen würden! Schön wäre es, wenn wir uns nicht jetzt schon Gedanken darüber machen müssten, ob wir in diese, durch uns sterbende Welt Kinder setzen wollen. Doch es ist eine Utopie! Ich kann – nein, ich darf diese Utopie nicht ausleben.

Ich muss was verändern. Aber wie? Wie kann ich etwas verändern, wenn keiner zuhört? Wenn sogar andere meiner Generation ihren Müll unter sich liegen lassen, Adolf Hitler Sticker auf WhatsApp verschicken und Schwuchtel als Beleidigung verwenden.

Sonne ist doch schön, und auch irgendwie Teil des Problems. Was macht mich kaputt? Ego, ich schätze soziale Medien und Klamotten. Ich sitz immer in der Bahn und sehe 1000 Outfits, die ich mag, und bei 1001 begreife ich, dass es total keinen Unterschied macht, was ich trage. Das Gute am Menschen ist, dass er alles verdrängt und ich verdränge täglich die schon locker fünf Jahre alten Dokus aus dem Unterricht, die zeigen, wie die Welt untergeht. Ich verdränge, während ich in der Straßenbahn sitze und Outfits bewerte. Inzwischen schaffe ich es nach 5,32 Sekunden, das Gesehene zu vergessen. Es stellen sich Fragen. Darf ich weinen? Bin ich eine Person, die das Recht hat, unglücklich zu sein? Bin ich schuld, weil ich träumen will, von etwas anderem als einer besseren Welt?
 
– Alptraum – 

Reicht es, wenn ich alles tue, was ich kann? Oder muss ich mehr tun? Was soll ich tun? Was ist das, was ich kann? Wie weit muss ich mein ›normales‹ Leben einschränken, während die anderen Business as usual betreiben? Selbst wenn ich wollte, wie ist man ein Systemsprenger?

Nützt es was, dass ich mir hier gerade den Kopf zerbreche? Wär ich lieber uninformiert geblieben…

Ja die Welt ist schon ein ziemlicher Scheißhaufen. Und das Dumme ist, wer das hier liest, liest es eben auch nur um des Lesens Willen.