Theater der Welt 2020
Düsseldorf 14. — 31. Mai
AlEx
IvanovIcI
Wir müssen zurückzahlen, was wir uns zu Lebzeiten von der Erde geliehen haben.
Alex Ivanovici, Porte Parole (L'Assemblée Montréal und The Assembly Montreal)
Schauspieler, Regisseur und Dokumentarfilmer, Montreal, Kanada 
Theater der Welt: Mit wem sprechen Sie über Ihre Arbeit?
Alex Ivanovici: Fast mit allen (sorry) - denn meine Arbeit besteht darin, mit Menschen zu reden.

TDW: Wer inspiriert Sie?
AI: Menschen, die sowohl mutig als auch geduldig, ernsthaft und lustig, leidenschaftlich und weise, rücksichtslos und selbstbewusst sind. … Sie, Sie inspirieren mich, weil Sie neugierig sind!

TDW: Welche Musik hören Sie im Moment? Nennen Sie Ihr(e) Lieblingslied(er)!
AI: Patrick Watson, ich habe gerade sein Konzert besucht. Er wandelt sanft zwischen der Seele und dem Herzen seiner Zuhörer und versucht, sie nicht zu wecken, während alle gemeinsam träumen. Sein letztes Album „Wave“ gefällt mir sehr gut. Er macht dem Zuhörer die achtsame Enthüllung seiner selbst möglich. Das ist das Wesen der Kunst.
TDW: Welches Buch sollte jeder lesen?
AI: Bücher, die Ihnen gefallen. Bücher, die Fragen in Ihnen wecken. Bücher, die Sie Zeit mit sich selbst verbringen lassen. Es ist sehr wichtig, dass niemand etwas Bestimmtes lesen sollte. Wenn einzelne Bücher zu wichtig werden, teilen wir uns auf künstliche Lager auf.

TDW: Was ist jetzt zu spät für Sie?
AI: Ein Mohawk-Haarschnitt

TDW: Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Fenster schauen?  

TDW: Welches gesellschaftspolitische Thema interessiert Sie im Moment am meisten?
AI: Identitätspolitik: Ich liebe es, mich mittels zwei oder drei Fragen tief in eine kategorische oder halb-kategorische Position hineinzugraben. Die Distanz ist niemals so groß, wie es uns Leidenschaft und politische Manipulation glauben machen wollen. Ich liebe es, den Begriff der „anderen“ zu dekonstruieren, den jeder benutzt, um die andere Seite zu bezeichnen. Wir fordern oft von anderer Veränderung ein, ohne zu fragen, wie wir uns selbst verändern können. Im Moment wird der politische Diskurs missbräuchlich geführt und fördert weiteren Missbrauch. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden.

TDW: Was ist Ihre erste Erinnerung an eigenes kreatives Schaffen? 
AI: Ich war sechs Jahre alt und musste am Ende des Schuljahres ein Gedicht vor der ganzen Schule und allen Familien vortragen. Wir waren draußen in einem grasbewachsenen Amphitheater. Ich habe mich versprochen und dehalb darum gebeten, noch einmal anfangen zu dürfen. Das Publikum brach in Gelächter aus. Ich war schockiert über die kraftvolle Wirkung dieser Reaktion. Das Publikum sah, dass ich schockiert war, und lachte weiter. Ich begann zu weinen. Sie lachten. Ich atmete tief ein, um zu sprechen, das Publikum verstummte. Ihr sofortiges Schweigen ließ mich erstarren. Sie lachten wieder. Am Ende des Gelächters sprach ich das Gedicht. Als ich fertig war, applaudierten sie begeistert. Ich war wieder überrascht, und sie lachten wieder. Das Publikum erlebte jeden Schritt dieses Gedichtvortrags mit; es war uns allen gelungen, gemeinsam verletzlich zu sein. Obwohl ich das Gedicht nicht geschrieben und nicht einmal verstanden habe, was damals geschehen war, habe ich das Gefühl, dass dieser Moment der Anfang von etwas war.

TDW: Zu welchem Lied kennen Sie den gesamten Text?


TDW: Bücher, Serien oder Musik?
AI: Alle! Unterschiedliche Formen öffnen unterschiedliche Fenster, unterschiedliche Blickwinkel, damit das Licht die winzigen Teile unseres verletzlichen Selbst findet. Aber die Musik hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

TDW: Ihre Lieblings-App:
AI: Eine Umarmung ;)

TDW: Welche Superkraft würden Sie gerne haben?
AI: Ich hätte gerne die Macht, Menschen das Leben desjenigen erleben zu lassen, mit dem sie zutiefst nicht einverstanden sind oder vor dem sie Angst haben. Oder die Macht, Angst in Lachen zu verwandeln... Fliegen wäre auch cool.

TDW: Was war die beste Reise, die Sie je gemacht haben?
AI: Mit 25 Jahren wachte ich auf einer Insel in Griechenland auf und stellte fest, dass ich in 36 Stunden in Brüssel einen Flug zurück nach Montreal nehmen musste. Ich hatte fast kein Geld, und ich machte mich auf den Weg und stieg in eine Fähre ein. Ich kaufte mir einen billigen Flug von Athen nach Gatwick in England. Inzwischen war ich pleite und musste nach Dover trampen, um die Fähre nach Calais zu erreichen. Ich wurde ein paar Mal mitgenommen, und ein Mann hat mich direkt nach Dover zur Fähre gefahren. Lange Geschichte, ich habe zwar den Abflug in Brüssel verpasst, aber dann den Anschluss in Amsterdam erwischt. Der Rest dieser Reise war ein Abenteuer, das ich nie vergessen werde.

TDW: Was können Sie perfekt kochen?
AI: Es gibt keine Perfektion, nur Streben, endloses, verdammtes Streben... also nichts, ich koche nichts perfekt, okay?

TDW: Was ist das Illegalste, was Sie bisher getan haben?
AI: Netter Versuch...

TDW: Wovor haben Sie Angst?
AI: Unsichtbar zu sein. Niemanden zu haben, mit dem Sie teilen, den Sie hören oder sehen können.

TDW: Was hilft dagegen?
AI: Andere davor zu bewahren, unsichtbar zu werden. Anderen zuzuhören, wenn sie vom Rande der großen Weltbaustelle mitteilen, wer sie sind.

TDW: Was können wir von Ihnen lernen?
AI: Wie man spektakuläre Fehler macht und langsam, über lange, lange Zeiträume hinweg aus ihnen lernt.

TDW: Was lernen Sie im Moment?
AI: Ich arbeite an Einfühlungsvermögen und Annahmen. Selbst großzügige Annahmen können sehr herablassend und eigennützig sein. Ich habe die Tendenz, mich auf eine Schlussfolgerung zu festzulegen, um eine Theorie vorschlagen zu können. Mein Intellekt will viel zu schnell eine Theorie aufstellen, aber manchmal ist das Suchen der ehrlichste Prozess - solange ich eben bereit bin, meine Position zu ändern.

TDW: Was ist das schönste Gefühl?
AI: Nackte Stille zwischen Liebenden.

TDW: Etwas, das Ihre Eltern sehr gut gemacht haben:
AI: Sie waren brutal ehrlich.

TDW: Können Sie uns sagen, wer Ihr Lieblingsmensch ist?
AI: So kitschig das auch klingt, meine Frau, Annabel Soutar.

TDW: Wo ist Ihr Lieblingsort?
AI: Die Orte, die ich mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern neu entdecke.

TDW: Wie kommen Sie in Ihrer Stadt von A nach B?
AI: Mit dem Auto, dem Motorrad, dem öffentlichen Nahverkehr und dem Fahrrad.

TDW: Wen bewundern Sie?
AI: Lehrerinnen und Lehrer.

TDW: Was wird in zehn Jahren besser sein?
AI: Alles! Wir werden in allem besser, solange Geschichten frei zirkulieren! Geschichten formen unsere Vorstellungskraft, und unsere Vorstellungen verwandeln Träume in Realität. Wenn Sie die Welt verändern wollen, erzählen Sie eine erstaunliche Geschichte. Real oder fiktiv spielt keine Rolle, solange sie vom Rande Ihrer derzeitigen Fähigkeiten und Ihres Verständnisses berichtet. Ich glaube, wir müssen die Macht des Erzählens anerkennen, denn sie wird heutzutage dazu benutzt, uns sowohl zu inspirieren als auch zu unterwerfen. Als ich geboren wurde, wurde ich an einem bestimmten Ort geboren, und wenn ich die Welt sehen wollte, musste ich reisen, Bücher lesen, mit Menschen sprechen, die von verschiedenen Orten kamen usw... aber heutzutage werden Kinder in die ganze Welt geboren, durch ein bizarres Portal, das das Internet genannt wird. Mehr als alles andere ist das Internet ein narratives Schlachtfeld. Es ist neu, gewalttätig und wild, aber in zehn Jahren werden wir alle sein Potenzial und seine Gefahren besser verstehen, besonders die jüngere Generation.

TDW: Die beste Entwicklung der letzten Jahre?
AI: Die Ausbreitung von Geschichten! Von Nachrichten bis zur Fiktion leben wir in einem ständig wachsenden Archiv.

TDW: Welche Umweltfragen sind für Sie wichtig?
AI: Wir müssen zurückzahlen, was wir uns zu Lebzeiten von der Erde geliehen haben und das zur Norm machen.

TDW: Welche Frage würden Sie uns gerne stellen? 
AI: Danke, dass Sie diese provozierenden Fragen gestellt haben. Wie definieren Sie die Rolle der Kunst? Und wo gibt es den besten Kaffee in Düsseldorf?
Samstag, 30.05.
16:00 - 18:15
Central, Kleine Bühne
Alex Ivanovic, Annabel Soutar, Brett Watson (Porte Parole)

L’Assemblée Montréal

Ein Projekt mit einer französischsprachigen Community
Kanada
Schauspiel
2 Stunden, 15 Minuten
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
L'Assemblée Montréal
Preise: 14,25 €
iCal
20:00 - 22:15
Central, Kleine Bühne
Alex Ivanovic, Annabel Soutar, Brett Watson (Porte Parole)

The Assembly Montreal

Ein Projekt mit einer englischsprachigen Community
Kanada
Schauspiel
2 Stunden, 15 Minuten
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
The Assembly Montreal
Publikumsgespräch im Anschluss an die Veranstaltung
Preise: 14,25 €
iCal
Sonntag, 31.05.
16:00 - 18:15
Central, Kleine Bühne
Alex Ivanovic, Annabel Soutar, Brett Watson (Porte Parole)

The Assembly Montreal

Ein Projekt mit einer englischsprachigen Community
Kanada
Schauspiel
2 Stunden, 15 Minuten
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
The Assembly Montreal
Preise: 14,25 €
iCal
20:00 - 22:15
Central, Kleine Bühne
Alex Ivanovic, Annabel Soutar, Brett Watson (Porte Parole)

L’Assemblée Montréal

Ein Projekt mit einer französischsprachigen Community
Kanada
Schauspiel
2 Stunden, 15 Minuten
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
L'Assemblée Montréal
Preise: 14,25 €
iCal